27.1., 12 Uhr, Volkstheater: Stefan MICKISCH- „DIE ZAUBERFLÖTE - enträtselt" - Das bedeutete nichts anderes, als dass der Pianist in seiner unnachahmlichen Art, vom Mozart„Reiseleiter" Alexander KUCHINKA trefflich als „Musikwissender" und „Opernführer der neuen Generation" bezeichnet, mit diversen Vorurteilen aufräumte und das Meisterwerk als solches vorstellte. Der bayrische Landsmann Emanuel Schikaneders verteidigt auch das Textbuch gegen den Vorwurf det Banalität und Frauenfeindlichkeit. Angestrebt sei mit den Mitteln der Musik und des Theaters für die beiden Prüflinge nach einer „Zwischenstufe von der Selbstverbesserung zur Weltverbesserung" das Endziel: Selbstverwandlung und Weltverwandlung, die Wiederherstellung des goldenen Zeitalters - durch die Mond- und Sonnenkräfte Isis und Osiris. Der wichtigste Satz zum Verständnis des Stückes sei, dass der 7-fache Sonnenkreis vom Vater Paminas dem Sarastro übergeben worden und für Tamino bestimmt sei. Tamino und Pamina sind schon seit jeher füreinander bestimmt. Da die Frau den Auserwählten durch Feuer und Wasser führt, spielt sie eine Erlöserrolle für den Mann, wie diverse Wagner-Heroinen. (Mich persönlich stört trotzdem immer wieder der Satz: „Ein Mann muss eure Herzen leiten, denn ohne ihn muss jedes Weib aus seinem Wirkungskreise schreiten"!)
Die musikalischen Erläuterungen von Stefan Mickisch sind unwiderlegbar. Die Grundtonart Es-Dur (vergleichbar mit dem ,Rheingold"-Beginn, Bruckners IV., Beethovens Eroica...) kommt aus myste-riösen Urgründen, erweckt Heldenkräfte und führt auf den Sonnenweg.
In das 2. Thema (Allegro) der Ouvertüre, das gar nicht von Mozart erfunden wurde, sondern von Clementi stammt (dessen Klaviersonate Mozart 1781, also 9 Jahre vor der „Zauberflöten"-Komposition, vor Kaiserin Maria Theresia gespielt hatte) baute Mozart jedoch „Widerstände" ein, die überwunden werden müssen - „dann kann man das Leben genießen". Und Mickisch spielt diesen „Genuss" in unglaublicher und schlichtester Vollendung: ganz gelöst, unsäglich mild, rein und schön, das Geheimnis des gleichmäßig durchgehaltenen Tempos großartig demonstrierend, mit dem Effekt, dass sich eine spielerische Heiterkeit einstellt, die einfach beglückt. Mit dem Hinweis auf Mozarts erste Komposition im Alter von 5 Jahren kann Mickisch die These, dass der Meister 30 Jahre später ebenso mühelos kindlich heitere, einfachste Melodien zu erfinden vermochte, die für ihn etwas Naturgegebenes waren, mühelos erhärten. - Auftreten und Vorwärtsbewegen der Schlange in c-moll sind unter Mickischs Zauberhänden auch wieder durch das gleichbleibende Tempo besonders wirkungsvoll. Er weist ferner auf die auch musikalische Vielschichtigkeit der 3 Damen hin, erläutert Papagenos (wenn man den Namen von lat. „genus" ableitet, sind schon die vielen Kinder vorprogrammiert!) Tonart G-Dur mit Gegenbeispielen von Bach, Dvorak, Beethoven, Brahms oder Smetana („Wenn am Strauch die Knospen springen ...Frühlingszeit, Frühlingszeit...") als Ausdruck für Standfestigkeit, Humor, Herz auf dem rechten Fleck. Die Bildnisarie, wieder in Es-Dur, spielt Mickisch, wie ich sie seit Jahren von keinem Tenor mehr habe singen hören: schönheitstrunken, in perfekter Harmonie,. Zu Beginn steht eine Sexte nach oben, die „Sexte der Sehnsucht", wie im „Tristan"; Stimme und Gegenstimme arbeitet er so klar heraus, wie man das in keiner Opernaufführung hört, weil man meist mit dem Tenor um die hohen Töne bangt.
Den Namen Monostatos legt Mickisch als unsozialen AlleinSteher aus, der ständig auf demselben Ton herumspringt, auch bei „Alles sucht der Liebe Freuden".- Die 3 Knaben, als Mystagogen, bringen die Klarheit des C-Dur ins Stück, das Mozart auch für Taminos Flötenmelodie einsetzt. Er wusste bereits, dass sich auch Tiere freuen können, was die moderne Wissenschaft inzwischen betätigt hat. - Ein kleiner „Seitensprung" amüsiert: „Könnte jeder brave Mann..." wurde von Richard Strauss im „Rosenkavalier" „verwertet" (Mickisch: "Er hat etwas Gutes daraus gemacht!") - Sarastros „Heil'ge Hallen" in E-Dur vergleicht Mickisch mit dem „Walküren"-Finale, und wieder erweist sich, dass die Arie am nobelsten wirkt, wenn sie nicht zerdehnt wird. Auch sie muss eine gewisse Heiterkeit ausstrahlen, nicht in Würde erstarren. - Zu Paminas g-moll-Arie findet er eine Tonartparallele bei der um Theseus klagenden Ariadne. -„Wer das Glockenspiel so schön spielen kann wie Papageno, hat meines Erachtens eine Frau verdient" verteidigt er den Vogelfänger, dem die höheren Weihen verwehrt bleiben.
Wichtig scheint mir der Hinweis auf die in der „Zauberflöte", dem Geist der Aufklärung entsprechende Entscheidungsfreiheit des Menschen: er selbst muss zwischen Gut und Böse wählen. Die Feuer- und Wasserprobe hat esoterische Bedeutung. Dass die Soloflöte exklusiv das Paar durchs Feuer begleitet, erklärt Mickisch mit Mozarts Absicht, nichts Genaues über diese Mysterien verraten zu wollen; mit großer Objektivität erfolgt hier die Führung durch die Liebe. - Das Finale II endet in göttlicher Heiterkeit, wenn es richtig musiziert wird: Verbal und pianistisch erläutert Stefan Mickisch, wie hier Stärke, Mut und Glaube siegen: ohne Pathos verbreitet der Es-Dur-Schluss, wenn die letzten Takte in so fröhlichem Gleichmaß gespielt werden (wohlweislich ohne Ritardando!), schlicht und einfach Freude! - Sie begleitete uns aus dem Theater. S.Pf.