...nachgefragt: "Der RING in Worten"

Warum erarbeiten Sie sich die Umsetzung des riesigen Orchesterapparates am Klavier?

Gerade das Symphonische, Großartige mag ich besonders, ich verstehe mich als symphonischen Pianisten. Die breit dimensionierten Formate, langen Strecken, intensiven Gefühle, die in der Oper herrschen, kommen meinen künstlerischen Ur-wünschen entgegen. Mir ist eine Tristan-Partitur angenehmer zu spielen als eine Mozart-Sonate, nicht weil es „bessere Musik“ wäre, sondern weil es viel mehr Widerstände für die Fingertechnik, für das Gedächtnis, und für die Spielkraft gibt. Dabei sind zumal bei Wagner auch die kleinen Details seiner Kompositionen, die impressionistischen Valeurs und Klangfarbenschattierungen für mich am Flügel von besonderem Reiz und ermöglichen mir, eine riesige Farbenpalette abzurufen bzw. zu schaffen. Wagner (und Richard Strauss) haben ‒ auch ‒ für mich geschrieben.

 

Wer ist Loge: Die Verkörperung des Feuers? Hat er was von Mephisto, weil er der Anstifter zu den Problemen mit den Riesen zu sein scheint. Stimmt das überhaupt? Er ist schwer zu durchschauen: Welche Pläne verfolgt er? Hat er ein Ziel?

Alles, was Sie sagen, stimmt. Loge ist die Ur-Intelligenz. Er durchschaut alles, und ist selbst nicht zu durchschauen. Er braucht kein Ziel. Er ist nicht negativ, schafft Probleme und löst Probleme. Er ist ein Transformator, wird gebraucht, ohne ihn läuft nichts. Er ist technisch gesprochen ein Feueralf (nicht Albe), das Urelement des Feuers und der Intelligenz. Er ist allen überlegen. Seine Eltern waren Laufey (Laub, das sich schnell entzünden kann, Prinzessinnen-Status) und Farbauti (ein Riese). Wagner beschreibt seine Omnipräsenz und Schnelligkeit in funkelnder, tonalitätsabweisender Chromatik.

 

Wer ist die Mutter der Rheintöchter?

Die Rheintöchter haben keine „offizielle“ Mutter. Ihr Vater ist „Vater Rhein“. Man darf annehmen, daß Vater Rhein auch Mutter-Qualitäten hat, und zur Erzeugung der Rheintöchter ‒ wiederum technisch gesprochen ‒ keine andere „Frau“ nötig war.

Bereits hier darf auf den kniffligen Umstand hingewiesen werden, daß die Nornen demgegenüber keinen Vater, sondern nur eine Mutter (Erda) haben. Hier wird reziprok das Gleiche gelten wie bei den Rheintöchtern: Erda braucht keinen „Mann“ zur Erzeugung der Nornen. Wagner ist aber noch raffinierter. Die erste Rheintochter singt in der höchsten Sopranlage (kann am schnellsten und leichtesten schwimmen), die erste Norn aber in der tiefsten Alt-Lage (hat am meisten Erfahrung). Es liegt eine reziproke Auffächerung der drei Stimmlagen vor. Alle sechs werden den Ring überleben.

 

Wäre das ganze Schlamassel um den Ring nicht passiert, wenn die Rheintöchter etwas netter zu Alberich gewesen wären?

Ja, wäre nicht passiert. Ein unausdenkbarer Super-GAU für die Wagner-Ring-Fangemeinde wäre das. Wir nehmen an, daß eine Rheintocher Alberich „genügt“ hätte („Von vielen gefall´ich wohl einer: bei einer kieste mich keine!“ ‒ ein Wahnsinns-Text). Man darf aber aus der Tatsache, daß man ein Mann ist, und es Frauen gibt, nicht ableiten, daß Frauen einem zur „Verfügung“ stehen, vor allem nicht, wenn man ihnen optisch dermaßen unterlegen ist wie Alberich den Topmodels des Rheins.

 

Was sind Alben? Licht- und Nachtalben?

Alben, Elfen, Elben ‒ man vergleiche die Figuren in Tolkiens Herr der Ringe. Positiv besetzt sind Elben und Elfen, Alben stehen auf der Kippe. Alben können zu Zwergen werden. Ganz finstere Alben können in Richtung „Orks“ mutieren. Lichtalben bei Wagner sind die Götter, Nachtalben bei Wagner sind die Zwerge oder Nibelungen. Wotan wird „Lichtalberich“ genannt, Alberich (hier steckt im Namen bereits das Wort Albe) wird als „Schwarzalberich“ bezeichnet. Alben im Ring sind Nicht-Menschen, Nicht-Riesen, und Nicht-Elementargeister.

 

Was ist Nibelheim?

Das kommt ethymologisch von Nifhel-heim ‒ nifel = der Nebel, und Hel = die Göttin der Unterwelt, auch Hella genannt („Kommst du von Hellas nächtlichem Heer?“ fragt Brünnhilde in der Götterdämmerung). Das Wort „Hölle“ leitet sich davon ab. Persephone im griechischen Mythos wird zu Hel(la). Hel ist eine Tochter Loges. Nibelheim heißt also: das Heim der im Nebel Wohnenden. Nibelungen sind die „im Nebelreiche Wohnenden“, die in der Unterwelt Wohnenden. Alberich ist der „Junge der Finsternis“ = Nibel(j)unge, oder Nif-Hel-Junge.

 

Warum ertrinkt Alberich nicht in der Tiefe des Rheins? Er ist doch mehr ein Erd- als ein Wassergeist? („Feuchtes Nass füllt mir die Nase: verfluchtes Nießen!“)

Er ist kein Geist, er ist ein Albe, ein Zwerg. Er ist Materie. Er beweist bereits am Beginn des Rheingold, daß er sich durchaus im Wasser, am Grunde des Rheins, aufhalten, ja sogar sich dort unterhalten kann (das Nießen ist eine Anfangsumstellung, eine Adaption). Das ist alles sehr bemerkenswert. Alberich ist ein hochqualifizierter und ehrgeiziger Albe, deswegen ist er ja auch Zwergen-Chef. Er hat unglaublich viel Energie. Wenn wir verstehen wollen, warum Alberich im Wasser laufen sowie hin- und herspringen kann (die Rheintöchter sind natürlich noch mobiler), hilft die wunderbare These Rudolf Steiners, wonach im „atlantischen Zeitalter“ Wasser mehr Luft enthielt und Luft mehr Wasser als heute. Das war also zu schaffen, so eine Unterhaltung im Wasser. Wir bewegen uns beim Ring des Nibelungen, vor allem im Rheingold  im mythischen, weit vor-menschlichen Bereich. Alberich ist nicht jemand, der ertrinkt (sein Sohn Hagen ja, Hagen hat nicht mehr die Fähigkeit des Vaters, im Wasser eine zeitlang überleben zu können). Das ist die eine, die biologistische Seite von Alberichs Widerstandskraft. Die andere ist die geistige: Wagners Genialität sagt uns, daß ein negatives Prinzip immer auf der Erde bleibt. „Und dafür sorgt Alberich“... Alberich bleibt, er ertrinkt nicht und er stirbt nicht. Wir haben immer mit ihm zu tun.

 

Wieviel Rheingold ist das Rheingold eigentlich? So groß kann dieser Goldschatz ja nicht sein, wenn Alberich ihn mit einem Griff klauen kann und dann noch recht rasch verschwindet. 

Wie gesagt, Alberich hat sehr viel Energie und Kraft. Er ist außerdem von den Rheintöchtern dermaßen gereizt und verletzt worden, daß ihm noch  mehr Kraft zuwächst als er ohnehin hat. So wird er einen sehr stattlichen Goldklumpen aus dem Riff herausreißen, mindestens 30 Kilogramm. 

 

Letztlich kommt ja nur ein Ring dabei heraus: 

Es wird so sein, daß Alberich von nur einem Teil des Goldklumpens den Ring anfertigt.

 

Die Größe liegt wohl mehr in der Macht des Zaubers als in der Menge. 

Sicher ja.

 

Wer aber hat den Zauber hineingesenkt?

Alberich. Er ganz alleine.

 

Mit wem hat Wotan eigentlich seine ihn bindenden und ihm gleichzeitig Macht verleihenden Verträge geschlossen? 

Mit allen, die „auf der Erde Rücken“ unterwegs waren, das waren im Grunde nur Riesen. Aber es gab viele davon, Wasserriesen, Reifriesen, Frostriesen, Bergriesen, Feuerriesen.

 

Gibt es noch höhere Mächte? 

Die höchsten Mächte im germanischen Mythos sind die Götter. Die höchste Macht in Wagners Ring ist der Mensch, definiert durch Freiheit und Liebe.

Zur Figur Wotan muß man wissen, daß er von außen kommt, aus dem Kosmos, aus der Luft, die Asen sind Luftgötter. Das erkennt man u.a. daran, daß ihm Erda unbekannt ist. („Wer bist du, mahnendes Weib?“), dies ist in höchstem Grade erstaunlich. Die Götter sind grundsätzlich planetarisch. (Nebenbei bemerkt: da die Regisseure in aller Regel viel zu „klein“ denken und keine Ahnung haben von der Mythologie und den Planeten, gelingt ihnen die Darstellung der Götter praktisch nie). Wotan kommt von Merkur = Hermes, er hat kosmische bewegende Kräfte, die mit Luft und Weltraum zu tun haben. Überdies ist er Schöpfer und klingt in der Skorpion-Schöpfer-Tonart Des-Dur. Sein Planet ist der Merkur, das ist der Wednesday = Wotanstag = Mittwoch. Die Woche sieht so aus: Sonntag = Sonnentag = Sunday, Montag = Mondtag = Monday = luna = lundi, Dienstag = Tuesday = mardi, dieser Tag ist dem altgermanischen, mutigen Kriegsgott Tiuz (kommt nicht in Wagners Ring vor) zugeordnet, Tiuz entspricht dem Mars, also im Französischen dem mardi = Tag des Mars, Mittwoch = Wotan = Wednesday = mercredi = Tag des Merkur = Hermes, Donnerstag = Thor = Donner = Thursday = jeudi = dies jovis = Tag des Jupiter, Freitag = Freia oder Frija = Friday = Tag der Venus = Vendredi (manche führen den Venustag auch auf Frigga=Fricka zurück), Samstag= Saturday = Tag des Saturn = Erda mit den Saturnringen (das sind die Nornen, die Weisheitsringe). In der Benennung der Wochentage findet sich – mit Ausnahme des Begriffs „Mittwoch“, der ziemlich einfallslos  die „Mitte der Woche“ kennzeichnen soll ‒ keine Spur vom Christentum. Das ist alles heidnisch-planetarisch, bis hinein in die Siebener-Zahl (7 Tage der Woche = die sieben Wandelsterne = die Tonleiter mit den sieben Tonstufen) und die Zwölferzahl = der Tierkreis = die 12 Tonarten. Die Sieben steht für die ZEIT, die Zwölf für den RAUM.

Esoterisch gesprochen hat der Asengott Wotan eine große Mission vor sich, nämlich eine Evolutionsepoche auf der Erde zu leiten. Zu dieser Mission braucht er Loge, und im Laufe dieser Mission gebiert er den Gedanken der Freiheit (Siegfried), und den der Liebe (Brünnhilde), muß aber selbst lernen zu sterben (was für einen Gott besonders schwierig ist!). Deshalb scheitert Wotan nicht, wie fast alle glauben. Weder in der Mythologie noch bei Wagner.

 

Was hat er für das Auge eigentlich bekommen? 

Wotan hat eines seiner Augen am Weisheitsquell seines Oheims Mimir gegeben, als Pfand für die Kraft, eine Evolutionsepoche zu leiten. Diese Aufgabe erfordert eine hervor-ragende Intellektualität. Sie reduziert Wotans Gefühlshaushalt. Er opferte das Gefühlsauge und verstärkte damit seine Gedankenschärfe und Intelligenz. Die Augenklappe ist links, das linke Auge ist das Gefühlsauge, das er hingab. (Man merke sich: Käpt‘n Ziegenbart in Asterix hat die Augenklappe rechts, Wotan hat die Augenklappe links. Das ist am einfachsten. Viele Regisseure setzen die Augenklappe falsch, weil sie die Asterix-Hefte nicht kennen, was ein großes Manko bedeutet.)

 

Hat er noch was für das Auge bekommen? Fricka, sagt er. 

Vorsicht! Wotan sagt im Rheingold wörtlich: „Mein eines Auge setzt´ ich werbend daran, um dich (Fricka) zum Weib zu gewinnen“ ‒ diese Aussage hat es in sich! Sie wird oft nicht verstanden. Sie bedeutet: Wotan hatte nur noch ein Auge, weil er das andere ja am Weisheitsquell geopfert hatte. Da er Fricka begehrte, und zusätzlich noch ein Draufgänger und sogar „Spieler“ ist, setzte er ‒ wie im Roulette ‒ sein noch erhaltenes EINES Auge als Pfand ein, um Fricka zu gewinnen. Das war riskant! Hätte er sie nicht gewonnen, wäre er blind geworden. Somit ist seine Aussage perfekt.

So intelligent und scharfsinnig sind Wagners Texte.

 

Lassen sich für die anderen Götter außer für Wotan Zuständigkeiten wie in der Mythologie bestimmen? Wie analog sind Wagners Götter denen der germanischen Mythologie?  

Es gibt klare Zuständigkeiten der Götter in der Mythologie, die Wagner aufnimmt oder durchscheinen läßt. Donner ist für das Wetter und das Einsammeln von Dünsten zuständig. Er hat auch einen Hammer, Mjöllnir (= der „Zermalmer“) genannt. Dieser Name fällt im Rheingold zwar nicht, aber der Hammer ist präsent, und Mjöllnirs Kraft entlädt sich im berühmten Amboß-Schlag am Ende des Stücks in B-Dur. Danach klärt sich das Wetter. Donner hat in den mythologischen Geschichten mit diesem Zauberhammer eine Menge Riesen (Feinde der Götter und der Menschen) „erledigt“. Die Menschen sind ihm dankbar dafür, weil die Riesen den Menschen bedrohlich waren. Der Hammer war ungeheuer praktisch, nicht sehr groß, funktionierte wie ein Bumerang, und konnte von Thor in die Rocktasche gesteckt werden. Donner warf auf einen Ziel-Riesen, der Hammer traf, kehrte dann fliegend in die rechte Hand Donners zurück. Thor = Donner brauchte zum Auffangen des Hammers nur einen Eisenhandschuh. Manchmal verlor er den Handschuh oder der Hammer wurde ihm beim Schlafen geklaut, dann gab es ein „Riesen“-Problem. In der Mythologie ist Donner der stärkste aller Götter, und er ist immer ein Menschenfreund, er war sehr beliebt. Wagner zeichnet exakt nach, daß Wotan gegenüber Donner allmählich Vorrang gewonnen hat, durch seine überragende Intelligenz und den Bund mit Loge. Wotan ist der klügere, deshalb gewinnt er Terrain mit den Verträgen, und verbietet Donner den Einsatz des Hammers. Dies ist der Übergang von der Problemlösung durch Gewalt zur Problembewältigung mittels juristischer Vertragstexte. Ich frage mich, ob heute die Welt wesentlich weiter gekommen ist? Sicher nicht, wenn überhaupt. Alle diese Konstellationen sind also von Wagner subtil und mit Kennerschaft gestaltet.

Froh (in Schweden Freyr) war für Wohlstand und Glück der Menschen zuständig. Er steht immer mit Freia in Verbindung. Sie sind Wanen-Götter, keine Asen-Götter wie Wotan und Donner. Die weicheren Wanen-Gottheiten hatten einmal einen Krieg gegen die Asen, und haben sich am Ende großkoalitionär mit der Asenpartei geeinigt und die Ministerposten aufgeteilt. Deshalb gibt es Asen und Wanen. Froh kann wunderbare Regenbögen gestalten (in Ges-Dur), und auch noch solche, auf denen man gehen kann.

 

Wieso ist Hundings Hütte um eine Esche herumgebaut? Nur aus Dekorationsgründen oder hat es eine tiefere Bedeutung? Gibt es eine Verbindung mit der Weltesche?

Ja, es hat mit der Weltesche zu tun. Die Stadt Essen im Ruhrgebiet hat mit dem Baum Esche zu tun, sie hieß Asniti. Trutmundi war Dortmund, Buochenheim ist Bochum, da gab es viele Buchen. Dort oben wurde geschmiedet „wie der Hammer“. Siegfried hatte in dieser Gegend das Schmieden gelernt. Siegfrieds Schmiede-Hammerschläge waren so gewaltig, daß sogar die Drachen um Bonn herum (Königswinter) unruhig und nervös wurden, weil die Erde bebte. 

Die Esche ist der entscheidende Baum der Germanen. Siegfried gebraucht in der gleichnamigen Oper Eschenholz zum Schüren des Feuers, damit „Nothung“, sein Schwert, gelingt. Und da ist die Weltesche, der Baum des germanischen Gesamt-Kosmos. Eine Esche. Keine Eiche. Die Eiche bedeutet dann später Gerichtsbarkeit. König Heinrich im Lohengrin hält Gericht unter der Eiche. Das ist viel, viel, viel später anzusiedeln als das Ring-Geschehen.

 

Was meint Hunding mit: „Der gleißende Wurm / glänzet auch ihm aus dem Auge“, wenn er die Ähnlichkeit von Sieglinde und Siegmund bemerkt?

Der „gleißende Wurm“ ist ein genetisches Emblem. Wotan = Wolfe („ein Wolf war er feigen Füchsen“) = Wälse = der Vater der von ihm gezeugten Wälsungen hat diesen „gleißenden Wurm“, die Strahlkraft seiner Augen (genauer: seines EINEN Auges) vererbt. Die Strahlkraft erhöhte sich, weil es nur EIN Auge war. Reduktion fördert Konzentration. Wotan zeugte das „konzentrierte“ Geschlecht der Wälsungen, und alle haben die Strahlkraft des Wotan-Auges: Sieglinde, Siegmund, und Siegfried. Dieser Zusammenhang fällt Hunding auf.

Es gibt im Siegfried noch die ebenfalls auf diesen Hintergrund abhebende kryptische Bemerkung Wotans gegenüber dem Enkel Siegfried, dem er sich nicht zu erkennen geben darf. Wotan sagt: „Mit dem Auge, das als and´res mir fehlt, erblickst du selber das eine, das mir zum Sehen verblieb“. Niemand versteht diese Aussage, am allerwenigsten Siegfried, der antwortet. „Hahahaha! Zum Lachen bist du mir lustig!“ Die Bedeutung ist hier folgende: „Ich, Wotan, habe die Strahlkraft meines EINEN Auges an dich, Siegfried, über deine Eltern Sieglinde und Siegmund an dich vererbt. Bemerke es, bitte!“ Es kann von Siegfried nicht bemerkt werden, er glaubt in dem nicht erkannten Großvater einen alten „Spinner“ vor sich zu haben.

 

Wohin kommen die anderen Toten, die nicht als Helden von den Walküren nach Walhall geschafft werden? 

Sie sind nicht würdig genug. Viele bleiben unter der Erde. Manche kommen als „Wiedergänger“ auf die Erde zurück, ängstigen ihre Verwandten. Manche, unruhige, unerlöste Seelen, reiten durch die Nächte über die Welt, über Berge und Wälder und Gehöfte hin, manchmal sehr dicht über den Dächern, man muß sich in Acht nehmen.  Das Geheul und die Windgeräusche sind laut, manchmal ohrenbetäubend. Wotan, der Herr der Lüfte, führt sie an, es ist die „Wilde Jagd“. Auch die Gehenkten fliegen mit. Wotan ist Schutzgott der Gehenkten oder gewaltsam zu Tode Gekommenen. Manchmal reitet Gundryggia (heißt wörtlich übersetzt: „Strickerin des Krieges“) mit, die Kundry, die wir aus Parsifal kennen. Sie war in einer früheren Inkarnation eine Walküre, die mit Wotan in der Wilden Jagd ritt. Franz Liszt hat eine virtuose Klavieretüde über diese Szenerie geschrieben, Wagner nimmt die Musik Liszts (in Adaption, und von c-moll nach d-moll transponiert) in den Sturm am Beginn seiner Walküre auf. Die großen Freunde Wagner und Liszt zeugen gemeinsam geniale Sturm-musik, eigentlich Filmmusik. Sie wurde durch Hollywood niemals übertroffen.

 

Gibt es so was wie ein Jenseits? 

Ja. Zum einen Walhall. Es war riesig groß, hatte 540 Tore, und durch ein einziges Tor konnten zugleich 800 Streiter heraus reiten. Es gibt da einen gewaltigen Kampf (Ragnarök) am Ende der Zeiten, dafür wurden von Chefgott Wotan die Krieger „gesammelt“. Die Asengötter mit Wotan erliegen in dieser apokalyptischen Auseinandersetzung den Feuerriesen aus dem Süden um Surtr, auch deswegen, weil sich Loge auf die gegnerische Seite schlug. In diesem Endkampf liefert Froh übrigens eine schwache Vorstellung ab: Er hat sein Schwert unter dem Bett seiner Geliebten vergessen und kann deswegen nicht mitkämpfen, der Trottel. Donner = Thor ist bärenstark, legt sich mit der Midgardschlange an (die wiederum von Loge abstammt), und beide töten sich. Loge erliegt gegen Heimdall, den Brückenwächter der Regenbogenbrücke, der leider aber auch selbst stirbt. Wotan wird durch den Fenriswolf (ein weiterer Abkömmling Loges, der neben der Midgardschlange, dem achtbeinigen Götterroß „Sleipnir“ auch noch Hel = Hella = die Unterweltsgöttin gezeugt hat) aufgefressen, in einem Happ. Widar, ein Wotan-Sohn, rächt seinen Vater, und tötet den Fenriswolf. Hier geht einfach „die Post ab“, da stehen noch mehrere Opern aus.

 

Wie ist das transzendente System dieser Ringwelt?

Wie geschildert, bewegt sich der germanische Mythos im Walhall-Rahmen. Bei Wagners Ring kommt der Mensch hinzu, bzw. die Entwicklung des Menschen, die Liebe und die Freiheit. Brünnhilde erringt die Freiheit in Liebe, Siegfried erringt die Liebe in Freiheit. Wagners Ring ist in keiner Weise zu toppen. Meines Erachtens bedeutet der Parsifal bereits wieder eine Verengung.

 

Sind die Götter überhaupt richtige Götter, wenn sie altern können? 

Nein, sind sie nicht. Aber ‒ es wird wohl keine unsterblichen Götter geben, nicht wahr. Sie alle sind sterblich, obwohl sie eine sehr lange Lebensdauer haben. Wie gesagt, das geht in Evolutionen, in großen Perioden vor sich.

 

Sind die Götter nicht doch nur ambitionierte Lichtalben, die sich mit diesen Äpfeln und Verträgen an die Macht geschafft haben? 

Die Asen- und Wanengötter bewirk(t)en auch viel Gutes, da muß man immer „groß“ denken.

 

Wer aber vergibt diese macht? Erda? Welche Position hat sie in dem Ganzen?

Nein, Erda hat keine Macht zu vergeben. Sie ist nicht an Macht interessiert, sie steht über dem Interesse, überhaupt an Macht interessiert zu sein. Sie ist der umfassende Erdgeist, die Gaia. Wotan hat mit ihr zu tun, er gewinnt aus ihr Brünnhilde. Er will etwas von ihr, sie läßt es zu. Er ist der Weltwille, sie ist die Weltweisheit. Sie bleibt, schläft, und weiß in Ewigkeit.

 

Wieso braucht es ausgerechnet Äpfel für die ewige Jugend? Da waren doch auch Äpfel am Baum der Erkenntnis im Garten Eden…

Diese Äpfel sind ein Symbol des Lebens. Auch Götter müssen leben. Denn sonst sterben sie. Nur Loge braucht diese Lebensäpfel nicht, er braucht auch keine Wohnung und keine Heizung, er ist selbst eine Heizung. Loge ist ja auch kein Gott, und auch kein Albe, er ist ein Element. Als Element braucht er kein Leben, da er ist. Wotan ißt und Loge ist.

Die Äpfel im Paradies stehen für etwas anderes, für Wissenschaft. Gott (Jahwe) verbietet die Wissenschaft, die Erkenntnis. Das schadet ihm, aufs Ganze gesehen.

 

Wer bleibt am Ende übrig? Die nicht sehr sympathische Gibichunge Gutrune? 

Vorsicht, nein. Gutrune stirbt an der Leiche ihres Bruders. Ich würde sie auch nicht als „nicht sympathisch“ beschreiben, überhaupt nicht. Ihre drei Themen in der Götterdämmerung atmen eine seltene Süße. Sie ist attraktiv, reizvoll, aber verführbar und verführend.

 

Und die Nachtalben, Alberich kriecht ja noch irgendwo rum. 

Wir wollen ganz genau sein: den Ring überleben 10 Figuren: die 3 Rheintöchter, die 3 Nornen, der Waldvogel, Loge, Alberich, Erda. Aus. Mehr nicht. Die beiden Raben Wotans „Hugin“ (=„Gedächtnis“) und „Munin“ (=„Erinnerung“) gehören diesem so vollständig zu, daß ihr Weiterleben nicht angenommen, aber auch nicht völlig ausgeschlossen wird. Sie würden bei einer Fortexistenz (die wir ja den Tieren des Waldes, etwa dem Bären vom Siegfried gerne zugestehen) mit ihrer Gedächtnis- und Erinnerungskraft aber der ganzen Welt zur Verfügung stehen. Das bedeutet übersetzt: den Ring überleben: die Naturkräfte (Rheintöchter), die Weisheits- und Schicksalskräfte (Nornen), die Intuition der Natur (Waldvogel), der Erdgeist selbst (Erda), das Prinzip des materialistisch-negativen (Alberich), und die Weltraumintelligenz Loge. That´s it. Aber genau damit haben wir Menschen jetzt immer zu tun, und die Ausgangsbasis ist keineswegs schlecht. Das Fundament ist überwiegend positiv. Wir müssen lediglich auf den „Alberich in uns“ aufpassen.

 

Oberflächlich betrachtet ist das kein besonders optimistisches Ende, was den Text aus Worten angeht. Wie ist die Zukunftsperspektive?

Einspruch. Die Zukunftsperspektive ist gut, die Liebe lebt, die Freiheit lebt. Wotans Mission ist nicht gescheitert, auch wenn fast die gesamte Literatur- und Musikwissenschaft das Scheitern Wotans postuliert, von den in der Regel stets zu kurz denkenden ‒ wenn überhaupt gedacht wird ‒ Medien ganz zu schweigen. Nein. Die Zukunft nach dem Götterdämmerungsende wird gut sein. Sie ist bereits jetzt gut, wir haben den Des-Dur-Akkord und das Liebeserlösungsmotiv Wagners am Ende ‒ es gibt nichts Schöneres und Besseres in der ganzen Menschheitsgeschichte als diesen Schluß der Götterdämmerung.

 

Was machen die beiden Raben am Ende der Götterdämmerung? 

Sie bringen diese gute Nachricht ‒ zuerst Wotan, dann überall hin!

 

Was wird aus Wotan ?  

Dank dieser Botschaft ist er glücklich, versöhnt und ewig lächelnd am Ziel seiner Mission. Er lebt weiter in den Sphären von Raum und Zeit. 


Entnommen aus dem Programmheft :  Stefan Mickisch - „Der Ring in Worten“ ∙ 2013/2014 ∙ Theater an der Wien ∙ Stefan Mickisch beantwortet Fragen von Dr. Karin Bohnert, Dramaturgie