Text von Stefan Mickisch, 2014

Richard Strauss 

Richard Strauss (geboren am 11. Juni 1864) ist einer der bedeutendsten, genialsten und erfolgreichsten Komponisten der Welt-Musikgeschichte. Die Tatsache, daß sein Vater aus der Oberpfalz (Parkstein bei Weiden) stammt, gibt mir als Schwandorfer eine ganz besondere Nähe zu ihm.

Bereits der Vater Franz Strauss schaffte aus einfachsten, ja ärmlichen Verhältnissen im Umkreis einer Türmersfamilie aus Nabburg (Familie Walter) den Sprung ins Königliche Hofopernorchester nach München, und wurde dort Solo-Hornist. Seine Phrasierungs - und Tongebungskunst wurde so berühmt, daß Richard Wagner ihm die Uraufführungspartien seiner "Meistersinger" (1868) und des "Tristan" (1865) übertrug.

Richard Strauss´ Mutter Josepha kam aus der Münchner Bierbrauer-Dynastie Pschorr, die ebenfalls äußerst musik- und kunstinteressiert war. 

Diese glückliche Kombination der Eltern ließ ein musikalisches Genie heranwachsen, das sich zunächst an den "Klassikern" Haydn, Mozart, Gluck, Beethoven und Mendelssohn orientierte, und sich erst später dem Einfluss Richard Wagners öffnete. Strauss lernte verschiedene Instrumente, komponierte schon als Siebenjähriger und wurde auch Dirigent. Er entwickelte im Laufe der Zeit ein auf fundierten humanistischen Grundlagen beruhendes, mehr und mehr aber von der Tradition unabhängiges Denken (vor allem durch die philosophische Auseinandersetzung mit Arthur Schopenhauer, Max Stirner und Friedrich Nietzsche). Auch als Tonsetzer ging er bald komplett neue Wege ("Don Juan", "Tod und Verklärung"), die ihn ab 1890 an die Spitze der musikalischen Entwicklung stellten, zu einer Zeit, als noch große echte "Alt-Romantiker" wie Antonin Dvorak ("Rusalka"), Johannes Brahms ("Dritte und Vierte Symphonie"), und Peter I. Tschaikowsky ("Pathétique") aktiv waren.

Die Modernität, der Wagemut Richard Strauss´, auch gegen viele Widerstände von gängigen, "vermufften Verhältnissen" und Hörgewohnheiten, sowie eine zum großen Teil verständnislose "Fachkritik" anzugehen und sich durchzusetzen, ist auch heute noch bewundernswert, und nur mit den Leistungen Gustav Mahlers und später Arnold Schönbergs vergleichbar.

Strauss setzte sich auch stark für Kollegen ein, sowohl durch das Dirigieren ihrer Werke als auch durch die Gründung einer "Tantiemen-Schutz-Gesellschaft" - heute "GEMA", die die Komponisten von Verlegern unabhängiger machte.

Strauss erreichte mit "Salome" (1905) und "Elektra" (1908) den Gipfelpunkt dramatischer Ausdruckskraft und Avanciertheit, steuerte ab dem "Rosenkavalier" (1911) wieder in "harmonischeres Fahrwasser". Ein vielfach konstatierter "Stilbruch" liegt aber nicht vor, sondern nur eine ungeheure Vielseitigkeit, die sich an verschiedenen Stoffen in jeweils unterschiedlicher Art entzündete. 

 

Dafür, daß er die "letzten Schritte" zur kompletten Atonalität nicht unternahm - wie Arnold

Schönberg oder Anton von Webern -  sind ihm Millionen von Zuhörern dankbar. Dennoch gibt es auch in Richard Strauss´ tonartlich-harmonischem Bereich Klang- und Kombinationsfelder ("Also sprach Zarathustra", "Don Quixote", "Frau ohne Schatten"), die an Komplexität und Kühnheit nichts zu wünschen übrig lassen.

Der Schaffensreichtum (16 Opern, 10 symphonische Dichtungen, ca. 200 Lieder, sehr viel Kammermusik, Instrumental-Konzerte u.v.m.) ist fast unüberblickbar und nur mit demjenigen Mozarts zu vergleichen.

Richard Strauss starb am 8. September 1949 in Garmisch.

 

Die Werke von Richard Strauss, die ich in seinem Jubiläumsjahr 2014 (und darüber hinaus) in Konzerten oder fürs Fernsehen interpretiere, möchte ich im folgenden Text nur stichpunktartig charakterisieren:

 

"Tod und Verklärung"  (1890)

Todeskampf eines Idealisten - Lisztsche Einflüsse - Mächtiges Ringen in selten erkennbarem C-Moll - Erreichen des "Idealthemas" in höchster existenzieller Not - Beruhigung und universale "Bergung" in C-Dur

 

"Don Juan"  (1890)

Stürmende Erotik - Blitzgewitter an neuen Einfällen - Überraschender, schockartiger Schluß ("Zerplatzen einer Seifenblase")

 

"Till Eulenspiegels lustige Streiche" (1895)

Siegeszug des Humors und der Ironie in der Musik - Einflüsse Mozarts und Mendelssohns - "Auf den Arm-Nehmen" des Publikums (wie die Achte Symphonie Beethovens)  - Unglaubliche Orchestervirtuosität - Der Freiheitsgeist unterliegt den Spießern und gewinnt gleichzeitig gegen sie

 

"Also sprach Zarathustra" (1897)

Niederschlag der bahnbrechenden Philosophie Friedrich Nietzsches – Modernst mögliche, "planetarische" Musik - Weltberühmter Beginn ("Sonnenaufgang" - St. Kubrick) - "Der tanzende Übermensch", der sich von Religionen, eigenen Leidenschaften und der Wissenschaft befreit - H-Dur und C-Dur in gleichzeitigem Tönen als die Bewußtseinsspaltung des modernen  Menschen

 

"Don Quixote" (1896)

Unglaublich einfallsreiches Stück  -  Meisterhafte Programmmusik, nachzeichnend die abstrusen Abenteuer Don Quixotes und Sancho Pansas  -  Zwei blökende Hammelherden "in Musik gesetzt"  (totale Atonalität, Schock für die Zeitgenossen)  -  Akustisch gemalte große Windmühlenflügel, in denen sich Don Quixote verfängt und unsanft auf seinen Allerwertesten geschleudert wird (Kontra-F), während die Windmühle ruhig weiterläuft  -Herrliche Melodien für eine nicht anwesende Dame ("Dulcinea"), die dennoch den Abenteuertrieb des fahrenden Ritters speist  -  Wie kann man nur so gut komponieren?

 

"Ein Heldenleben"  (1898)

Selbstporträt "Held und Welt" - Vorbild Beethoven ("Eroica", die Dritte Symphonie) - Grundtonart des Heldischen Es-Dur -  Kongeniale Darstellung von massiven Widerständen gegen den Helden = Autor durch näselnde, ewig nörgelnde "Kritiker", auskomponiert in krassem, atonalen Holzbläsergezänk - Die "Gefährtin“ (dargestellt durch Solo-Violine) hilft (aber nicht ohne selbst unproblematisch zu sein)

 

"Sinfonia Domestica" (1903)

Eine "Haus-Symphonie"  -   Nach dem Karrieredurchbruch komponiert Strauss "sein" entspanntes Familienleben, mit Frau und Kind  - Gemüthaft, poetisch, witzig, liebenswert - Dennoch ein komplexes, großes Werk, mit abschließender Doppelfuge - Erstaufführung in New York

 

"Eine Alpensinfonie"  (1900 – 1916)

Ein Spitzenwerk, der "Hammer"  -  "Alles drin"  -  Äußerlich eine Bergbesteigung darstellend, innerlich einen Lebensweg bzw. eine Weltanschauung  - Grundphilosophie von Friedrich Nietzsches "Der Antichrist" (lange im Titel geführt) herrührend  - Damit ist letztlich ausgedrückt : 1. die Natur ist stärker und überdauernder als der Mensch, 2. Vitalismus und Arbeitsethos (Sinnbild "Bergbesteigung"), 3. Abwesenheit eines persönlichen Gottes zugunsten einer erdverbundenen Erlebnisfülle

 

"Salome" (1905)

Gehen heute die Sympathien mehr zu Jochanaan (= "Johannes der Täufer"), oder zur "perversen" Salome? Wohin gingen eigentlich Strauss´ Sympathien?  Es ist gar nicht so leicht herauszufinden.  2014 erscheint meine CD-Aufnahme (Live-Mitschnitt vom Wiener Konzerthaus)  zu dieser schockierenden, lasziv-intelligenten Oper -

Wilhelm II.: "Mit dieser Oper wird sich Richard Strauss unglaublich schaden".

Richard Strauss: "Mit den Einnahmen dieser Oper konnte ich mir meine schöne Villa in Garmisch bauen."

 

"Elektra" (1908)

Groß, erratisch, machtvoll, Elektra "der lebende Vorwurf" ihrer Mutter Klytämnestra  -

alleine die Ethymologie der Namen ist bezeichnend:

Elektra = die Bernsteinfarbene, die "Stromladung"

Klytämnestra = die Großes im Bösen Ersinnende

Agamemnon = der geduldig Ausharrende

Chrysothemis = die glänzend-Maßvolle, die goldglänzend-Mäßige

Orest =  der Berg

Ägist = der von der Ziege Genährte

 

Großbogen über Hofmannsthals und Strauss´ Werk hinaus:

Orest, dem "Muttermörder", wird durch Athene, die "aus dem Haupte des Zeus entsprang", also keine "Mutter-Geborene" ist, vergeben werden, auf dem Areopag in Athen  -  Die zunächst den Orestes verfolgenden "Erynnien"- Rachegeister (chthonische Mutter-Gottheiten) werden besänftigt, mit einem Heiligtum in Athen "entschädigt", sie werden dann zu den "Eumeniden" (den "Wohlmeinenden")

"Der Rosenkavalier"  (1911)

Das Vorspiel zum dritten Akt ist ebenso "modern" wie "Salome" und "Elektra" (man spiele es durch)  -  Die glänzenden Kerzen bei der "Rosenüberreichung" in Fis-Dur, Glitzern, "Loge", ebenfalls ein Feuerelement, hier domestiziert  -  das Schlußterzett in Des, die Tonart des Göttlichen, des "Skorpions", des Kreativen, Schöpferischen, vgl. 2. Satz des Dritten Klavierkonzerts von Rachmaninoff  -  Baron Ochs, Grobheit, Derbheit, er wird zurechtgestutzt wie "Beckmesser", Sophie entspricht dem Evchen, Octavian Walther von Stolzing, die Marschallin dem Hans Sachs, wie feinsinnig

 

"Ariadne auf Naxos"  (1916)

Mit 32 Musikern geht‘s auch  -   Kammermusik vom Feinsten  -  Posse, Theater im Theater, und Göttermythos  -  Die weiblichen Gegensätze: hier die "Treue", Trauernde (Ariadne), dort die "ungetreue Zerbinetta", die sprühende, lebensbejahende  -  Gegensätze und Zusammenführungen  -  Bacchus, der Gott der Reben, des Weines, aller Veränderung, der Verwandlungen, des Rausches  -  die Weinwunder Christi im NT sind Kopien der Weinwunder des Bacchus, Anverwandlungen, Fortsetzungen  -  Niemand kann sich Bacchus in den Weg stellen  -  "Seine" Frau ist Ariadne, sie hat auf ihn gewartet, sie hat ihn nur nicht gesehen, Theseus war nicht der "ihrige", statt des ersehnten Todes kommt der Gott der Verwandlung, versetzt sie als "corona borealis" ans Firmament des Sternenhimmels  -  Des-Dur im Finale wie der geistige Sieg Wotans im Götterdämmerungsfinale (immer noch nicht erkannt)

 

"Die Frau ohne Schatten" (1919)

"Die beste Oper von Richard Strauss" (meine Meinung)  -  Das Werk der Superlative  -  Eine "Zauberflöte", ein Mysterienstück  -  Die Erwachsenen als Brücke für die ins Leben wollenden Seelen von "drüben"  -  Dramatik und Ethik als ein Bewältigtes  -  Phantasie grenzenlos und gebändigt gleichzeitig  -  in keiner Weise überbietbar

 

"Arabella"  (1932)

Lieblingsstück aller Damen, man kann es verstehen   -  der fremde, attraktive Mann (Graf Mandryka), der wie der "Blitz" einschlägt, der alle weibliche Entscheidungsfreiheit mit einem Mal aufhebt  -  Die Eleganz des Textes, diese subtile Wortwahl des feinstfühligen k.u.k. Hugo von Hofmannsthal, diese ideale Ergänzung zum bayerisch-bodenständigen Richard Strauss  -  "Die Melodie als Verkörperung der platonischen Idee als Ergebnis einer 3000-jährigen Kulturentwicklung"

 

"Capriccio" (1942)

Wort oder Musik, welche Kunst hat den Vorrang bei einer Oper? Wie sieht eine sinnvolle Vereinheitlichung, Zusammenführung, Kombination aus, wie klingt sie? Wo liegen die verborgenen Geheimnisse der Synthesenbildung? Welche Anteile haben Vergeistigung/Philosophie auf der einen und Unterhaltungsrecht des Publikums auf der anderen Seite? Ernst und Witz?

 

Richard Strauss hat einen unverzichtbaren Beitrag zur Kultur-  und Musikgeschichte der Welt geleistet. Es ist mir eine große Freude, diesen im Jahr seines 150. Geburtstages und darüber hinaus zu beleuchten und zu würdigen.

Stefan Mickisch, 2014