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Nordbayerischer Kurier - Freitag, 27. August 2010

 

Inspiriendes Vorbild

 

Ein Beethoven-Klavierabend mit Stefan Mickisch

Bayreuth - Von Sönke Remmert


Als großartiger pianistischer Referent über die musikdrama-
tische Welt Richard Wagners ist Stefan Mickisch seit über einem Jahrzehnt eine Institution in Bayreuth. Am Dienstag, dem letzten spielfreien Tag der diesjährigen Bayreuther Festspiele, bot er im Evangelischen Gemeindehaus ein ganz besonderes Programm. In rund drei Stunden beschäftigte er sich mit den Sinfonien  Ludwig van Beethoven.

Wie bei dem aus Schwandorf stammenden Pianisten zu erwarten, wurden die Zuhörer mit mannigfachen Fakten zu den jeweiligen Kompositionen und mit Querverbindungen zu Werken anderer Komponisten sowie zu literarischem und philosophischem Gedankengut geradezu überwältigt. Es war zu spüren: Beethovens Musik hat Wurzeln - vor allem bei Haydn und Mozart, aber auch bei Bach, Händel und bei hierzulande weniger bekannten Komponisten aus der Umgebung der Französischen Revolution. Zum anderen bereitet Beethovens Musik den Boden für die Zukunft: für Berlioz, Schumann, Wagner, Brahms und Mahler.

Bei der C-Dur-Sinfonie Nr. 1 bot Mickisch eine geniale Verbindung des Kopfsatzes mit verwandten Themen aus Mozarts berühmter „Jupiter-Sinfonie". Bei Nr. 2 war die Nähe Beethovens zur Musik Joseph Haydns das zentrale Thema. Im Folgenden demonstrierte Mickisch die außerordentliche Eigenständigkeit der Nr. 3, der „Eroica". So richtete sich im Kopfsatz das Augen oder besser gesagt Ohrenmerk vor allem auf die für Beethoven charakteristischen, rhythmischen Finessen, insbesondere auf seinen unkonventionellen Umgang mit den Takt-Zählzeiten. Den Trauermarsch aus dieser Quasi- „Prometheus"-Sinfonie kombinierte der Pianist sehr geschickt mit der Trauermusik für Siegfried aus Wagners „Götterdämmerung".

Ausgesprochen überraschend waren die Querverbindungen des Pianisten zwischen der 4. Sinfonie und philosophischen Gedanken, die Martin Heidegger erst rund 100 Jahre nach Beethovens Tod formulierte. Beim c- Moll-Werk Nr. 5 konnten wir erstaunt erleben, dass sich dieses Opus nicht nur mit der Taubheit Beethovens, sondern auch mit den Umwälzungen der Französischen Revolution auseinandersetzt. Auch für Kenner der Wiener Klassik dürfte die Erkenntnis, dass das bekannte Klopfmotiv bei Luigi Cherubini eine wichtige Rolle spielt, ein Aha-Erlebnis sein.

Nach der Pause überraschte Mickisch mit der „Pastorale", einem Ausflugs-Tipp für Wien-Reisende: Der Spazierweg, der Beethoven zum Kopfsatz seiner 6. Sinfonie inspirierte, ist für Wien-Touristen noch immer als „Beethoven-Gang" eine Attraktion. Bei der Nr. 7 wurde eindrucksvoll gezeigt, wie diese Komposition sowohl Schumanns a-Moll-Klavierkonzert als auch die „Lohengrin"-Musik Richard Wagners stark beeinflusste. Die 8. Sinfonie führte der Interpret eindrucksvoll als witziges Stück über die Traditionen der Wiener Klassik vor. Beethovens Humor berührt sich hierbei nach Mickischs kompetenten Ausführungen mit Sokrates, aber auch mit dem Richard Strauss der „Eulenspiegel"-Tondichtung.

In der grandiosen Neunten schließlich konnte man einen sehr weiten Spannungsbogen erleben: Vom Urgrund der Welt über einen Höllentanz und eine Paradies-Vision bis zur allgemein menschheitsverbrüdernden Utopie des Schlusschores.
Für den frenetischen Applaus im voll besetzten Evangelischen Gemeindehaus bedankte sich der überschwänglich gefeierte Pianist mit einer Zugabe: den letzten beiden Sätzen aus der 6. Sinfonie, der „Pastorale".

 
 

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