|
|
|
Einführungsvorträge Bayreuth Bayreuth Lectures
in italiano
|
Sieglinde Pfabigan zum Klavierabend mit Stefan Mickisch am Dienstag, 22. Oktober 2002 im Wiener Musikverein, Brahmssaal"DER NEUE MERKER" - Wien - Ausgabe November 2002 Wiener Musikverein, Brahmssaal, 22.10. STEFAN MICKISCH spielt WAGNER "Der neue Merker" - Wien - Ausgabe November 2002 Rezension von Sieglinde Pfabigan - In der Tat, er ganz allein, und vollendet! Über Mikrophon spricht der Meisterpianist erklärende Worte zu jedem der vier "Ring"-Finali, und dann legt er los, ohne Mikrophon, mit totaler Hingabe, höchster Virtuosität, unglaublicher Klangfülle, mit Modulationen und Kadenzen, bei denen es einem heiß und kalt über den Rücken rieselt, einem durchgehaltenen Spannungsbogen über alle noch so leisen Atemanhaltestellen und alle noch so gigantischen dramatischen Höhepunkte hinweg - ein profunder Kenner dieser Werke mit dem entsprechenden Können, sein Wissen in Klang umzusetzen. "16 Stunden Musik, weil Alberich die Frau nicht bekommen hat, die er wollte - Gott sei Dank!" "Die Götter erringen einen Etappensieg, wenn sie die Regenbogenbrücke beschreiten. Ges-Dur ist die Brückentonart, Des-Dur die Wallhall-Tonart, die auch den "Ring" abschließt - Wotan gibt das Zeitalter wieder ab - an die Liebe." - Total plausibel sind solche dramaturgisch-philosophischen Erklärungen, weil auf musikalischen Fakten basierend. Übrigens: auch der Blitz und der Donner, die aus dem Bösendorfer kommen, dünken einen echt. Mickisch kriecht quasi in die Tasten hinein, um ganz konzentriert ein Donnertremolo herauszuholen, und er fährt über die Tasten, um ein Blitz-Glissando zu produzieren, das promptest "einschlägt". Was beim "Rheingold"-Finale alles an "Instrumenten" und Themen gleichzeitig aus dem Flügel ertönt, macht "vor Staunen stumm!" Unter 101 selbstverständlichen Besonderheiten fallen mir die besonders markant gespielten Textstellen der Rheintöchter besonders auf, die bei Opernaufführungen gern untergehen.
"Walküre": I. Akt - E-Dur, die Tonart der Liebe (Vergleich mit Bruckners VII und Brahms II…). Das Motiv der Wälsungenliebe, ähnelt dem Wotans - er hat ja diese Liebe in die Welt gesetzt, "abgesehen von seinem biologischen Produktionskönnen kommt auch dieses Thema von ihm", formuliert Mickisch. Sein Abschied = Selbstopfer - mediantische Akkorde, die die Ewigkeit symbolisieren. Loge zehrt Wotan am Ende auf. - Das Vertragsmotiv kommt so gewaltig stampfend daher, wie es nicht einmal das gesamte schwere Blech zuwege bringt. Dabei nimmt Mickisch geradezu aufregend ebenmäßig Tempi, und in diese hinein spielt er die flackernden Flöten des Feuerzaubers und die Streicherlegati der Schlafmusik. Das Orchester ist komplett präsent.
Mickisch erklärt, was er spielt: "Siegfried und Brünnhilde scheitern leider - auf höchstem Niveau. Das Schlussproblem dieser Oper: Von seiner Gegenwartsbezogenheit muss Siegfried aufsteigen in eine göttliche Sphäre - der Ewigkeitsaspekt. Brünnhilde steigt herab von der Ewigkeit in die Gegenwart - diese zwei Prinzipien stehen gegeneinander, vermengen sich…" (Goldene Worte ins Ohr der Regisseure!) Die Stelle in Siegfried Abschiedsgesang "Da lacht mir Brünnhildes Lust" habe ich seit Karajans Wiener "Götterdämmerungs"-Premiere nicht mehr so ekstatisch gehört. Die Todesschläge sind endgültig, im gleichen Tempo wiederholt - grausig. Erst nach der großen Dur-Version des Siegfried-Motivs im "Trauermarsch", der "größten Kraftentfaltung im ganzen ‚Ring' fallen sie wieder aus. Am Schluss der "Götterdämmerung", definiert Mickisch, "bündeln sich alle 22 Leitmotive in der letzten Viertelstunde. Brünnhilde übernimmt 4 Minuten lang Wotans Weltherrschaft - ca. 7 Minuten vor Schluss." Wenn das keine "konkreten" Regieanweisungen sind???
Wagner galt immer als besonders aufwendig - Riesenorchester, Zusatz-Chöre, monumentale Bühnenbilder, gewaltige Stimmen, Überlängen -, und nun kommt ein einzelner Pianist und bannt und entfaltet diesen Kosmos mit zehn Fingern und eventuell ein paar Worten dazu… Ein neues Wagner-Erlebnis. Das Musikvereinspublikum wusste es zu schätzen.. Sieglinde Pfabigan
Gespräch mit STEFAN MICKISCH von Sieglinde Pfabigan DER NEUE MERKER, Wien, November 2002 "Wagners Musik hat so viel Substanz, dass sie eigentlich keine Sänger braucht." "Wagner eignet sich ganz hervorragend für den Konzertflügel." "Auf dem Klavier kann ich umsetzen, was mir wichtig ist." Mit diesen provokant klingenden Aussagen von Stefan Mickisch ließen sich mühelos Schlagzeilen für die Sensationspresse machen. Und man könnte daraus die Präpotenz eines selbstherrlichen Interpreten ableiten. Davon jedoch ist Mickisch weit entfernt. Bekanntlich kommt es ja nicht nur in der Musik auf den Ton an. Der ist bei Mickisch stets gleichsam von einem leisen Lächeln begleitet, ruhig-dezidiert mit dem feinen nordbayerischen Akzent des gebürtigen Oberpfälzers (geb. in Schwandorf nördlich von Regensburg), der schon hinüberweist in den verbindlichen oberfränkischen Dialekt und dem Wortbeitrag etwas Pathos-Fernes verleiht. Man könnte auch von einer gewissen bereits sprachlich bedingten "Bodenhaftung" sprechen, die ein Abheben ins allzu Phantastische unterbindet. Die "Entwicklungsgeschichte" des mit seinen Wagner-Vorträgen in Wort und Ton heute einsame Spitzenklasse verkörpernden Pianisten möge obige Aussagen erklären. Nach einer ganz normalen Ausbildung als Konzertpianist in Nürnberg, Hannover und Wien (bei Leonid Brumberg) bekommt der junge Stefan Mickisch ein Stipendium einer der "art colonies" im US-Staate Virginia. Dort treffen Künstler aller Sparten für mehrere Wochen zusammen. Dieser Austausch mit Schriftstellern, Malern, bildenden Künstlern und Komponisten aller Nationen erwies sich als äußerst nutzbringend. Jeder durfte vorführen, was ihn bewegte. Nach seinem "Lieblingskomponisten" befragt, nannte Mickisch Richard Wagner. Aber dessen Klaviermusik ist doch wohl keine Weltmusik ... ? So erarbeitete Mickisch das Finale der "Götterdämmerung" mit Siegfrieds Trauermarsch, um zu demonstrieren, was ihn an dieser Musik so fesselte. Dabei stellte er fest, dass es zu Wagners "Ring" entweder gar keine oder recht unzureichende Transkriptionen gab, die nicht annähernd die Substanz beinhaltete, die sein inneres Ohr hörte. Er begann auf der Grundlage von Mottls und Klindworths Klavierauszügen selbst zu ergänzen: Füllstimmen, gleichzeitig eingesetzte Motive aus der Partitur ("soviel eben geht"), stärkere Akzentuierungen ihm wesentlich erscheinender Hauptthemen... Klavieristische Wagner-Symphonik, "Wagner pur". Und er hatte mit diesem Vortrag einen solchen Erfolg, dass daraus sein Verlangen resultierte, in dieser Richtung weiterzuarbeiten. "Für Wagner braucht man eine weitere Dimension!" war sehr bald seine wichtigste Erkenntnis. Fünf Jahre später lud ihn der Bayreuther Wagner-Verband bereits als Nachfolger von Erich Rappl und Maximilian Kojetinsky zu den traditionellen vormittäglichen Einführungsvorträgen in die Festspielstadt. Inzwischen hat sich Mickisch im Evang. Gemeindehaus von Bayreuth selbständig gemacht und spielt und spricht dort 30 Mal pro Festspielsaison vor vollem Haus und ausnahmslos begeisterten Zuhörern (ca. 9000 in der zurückliegenden Saison). Indem er mit Witz und haarscharf ins Schwarze treffenden Formulierungen etwaigen Wagner-Gegnern jeden Wind aus den Segeln nimmt, schafft er sich das breite Terrain für seine musikalischen Erläuterungen. Die Wagner-Zentren in aller Welt strecken seither die Hände nach ihm aus, um seiner Zaubereien mit zehn Fingern teilhaftig zu werden. Im Wiener Musikverein gab es jetzt nicht nur für ihn, sondern auch für dieses renommierte Haus eine Premiere: einen reinen Wagner-Klavierabend. Kenner des Künstlers und durch Rundfunk und Presse neugierig gewordene Musikfreunde fanden den ihm vorauseilenden guten Ruf bestätigt. Das Merker-Kleeblatt, das sich zum Interview im Café Schwarzenberg am Vormittag des Folgetages zusammenfand (Karin Maier, Gertraud Heilmann, Klaus Billand und die Verfasserin dieses Artikels), sah sich einem idealen Gesprächspartner gegenüber, der nicht nur auskunftsfreudig , sondern aufmerksamst interessiert an unseren Kommentaren, Fragen und Erfahrungsberichten war, um uns zwischendurch mit der schmeichelhaften Bemerkung zu beglücken, dass wir da "wieder einmal derselben Meinung" seien. (Nach eifriger "Merker"-Lektüre war ihm unser Zugang zu diversen Problematiken bereits vertraut.) Er bezog sich dabei sowohl auf die notwendige Trennung von Mensch und Künstler, von Kunst und Politik, Philosophie und Ideologie einerseits als auch die Art der Interpretation, musikalisch, sängerisch und szenisch andererseits. Verständlicherweise kamen wir über das Thema "Wagner" in den drei Stunden unseres Beisammenseins nicht sehr weit hinaus... "Es scheint mir eine gemeinsame Aufgabe zu geben: Wagners Wahrheit aus dem Geist der Musik heraus (wieder -) zu finden". Das mag hochtrabend klingen, meinte der Künstler, ist aber im Grunde einfach: Es steht alles in der Musik. Er sieht sich als Musiker vor handfeste Tatsachen gestellt: Tonarten, Intervalle, Motive und deren psychologische Verwandlungen, harmonische Strukturen, Lautstärkebezeichnungen, Rhythmik und Instrumentation etc. geben klare Auskünfte über die handelnden Personen, ihre Gefühle und Gedanken. Jede Tonart steht überdies für ein Sternzeichen, und so weiss man über die intensive Schöpferkraft Wotans schon allein durch seine Tonart Des-Dur (= Skorpion) Bescheid. Dies lasse sich durch klangliche Konzentration auf dem Konzertflügel beinahe besser darstellen als mit einem mitunter breiigen Orchestersatz, dem sich manchmal mehr oder weniger homogene Sängerstimmen aufpfropfen. Die minutiösen Übergänge Wagners können am Flügel ideal als Gefühlswandlungen gezeigt werden. Der subjektiv-individualistische Ansatz des alleinigen Pianisten-Interpreten hat Vorteile gegenüber dem notwendigen "Mannschaftsspiel" des großen, naturgemäss unbeweglicheren Orchesterapparats. Die Vielzahl der gleichzeitigen akustischen Vorgänge z. B. bei Wagners Finali bietet dem kontrapunktisch geschulten Pianisten (Bach!) zudem ein weites pianistisch-polyphones Betätigungsfeld. Bruckners Symphonien dagegen eignen sich weit weniger für Klaviertranskriptionen, weil sie statischer sind. Auch von Bachs Passionen seien (zusätzlich zum "Originalklang"-Problem) befriedigende Transkriptionen kaum machbar. Auf die Frage, wie er zu seiner Kunst des Auswendigspielens ganzer Wagner-Aufzüge gefunden habe, sagte Mickisch, dass er seine Transkriptionen zuerst im Kopf mache, dann aufschreibe, ihm aber beim öffentlichen Vortrag oder auch zuhause immer wieder neue Einsichten und Ideen kämen, wie man diese Musik noch sinnvoller vom Klavierklang heraus gestalten könne. Wichtig für den glaubwürdigen Ausdruck sei ihm dabei auch das körperliche Mitgehen und die Schaffung von Suggestionen. Scheinbare "Unmöglichkeiten" wie etwa das Crescendieren eines auf dem Klavier angeschlagenen Tones, wie beim Tristan-Vorspiel das F, seien (nur) suggestiv machbar, oder auch das Unisono der Violinen bei der Einstimmigkeit des "Selige Öde auf sonniger Höh" - "wenn Musik durch ein Nadelöhr geht". Da bei Wagner alles Ausdruck und Virtuosität niemals Selbstzweck sei, könne auch ein Brahms- oder Bach-Spieler, so er denn Wagners Musik liebe, diese erfolgreich interpretieren. Es ergibt sich die Frage, ob Mickisch nicht Lust zum Dirigieren hätte? Sie wird mit einem vorläufigen klaren "Nein" beantwortet, weil es einerseits Dirigenten gibt, die Wagner gut darstellen ("viele jedoch schon verstorben ..."), andererseits aber keinen einzigen Pianisten auf der Welt, der dies tut. Zudem fehle ihm jegliche Erfahrung auf diesem Gebiet, und er glaube, am Flügel und mit seinen Vorträgen mehr für Wagner leisten zu können. Sehr aufschlussreich Mickischs Antwort auf den Vorschlag, doch einmal seine musikalischen Einsichten in Regiearbeit umzusetzen. Hier gelte jedoch das Gleiche wie für das Dirigieren, es ist nicht sein Feld, er könne höchstens beraten. "Eine ideale Wagner-Realisation gibt es nur ohne die Inszenierungen, also nur in unserer Phantasie. Sicherlich tragen wir schöne Bilder, Gelungenes, Packendes, Intelligentes verschiedener Regiearbeiten in uns. Im täglichen Bühnenbetrieb wird meines Erachtens jedoch Wagner häufig verfehlt, oft sogar noch auf niedrigem Niveau. Es ist heutzutage sehr schwierig geworden, die Botschaften höchster Ideen und Werte, trotz aller Berechtigung zeitgeistiger "aktueller" Sichtweisen und Strömungen, noch über die Rampe zu bringen. Wagner ist nur mit größten Anstrengungen und allerhöchstem Niveau beizukommen. Die Vielschichtigkeit seiner Werke dient Regisseuren heute meist nur als Steinbruch, oder es wird ein eigenes "Konzept", welches am besten mit dem Werk nichts zu tun hat, darübergestülpt, weil man das bereits Bekannte nicht mehr spannend erzählen kann und will. Die fehlende Achtung vor dem Schöpfer, in unserem Falle also Richard Wagner, ist jedoch der Garant und die Wurzel des Scheiterns an ihm. Scheitern an Wagner bzw. an großer Kunst ist heute nahezu gleichbedeutend mit Erfolg bei der Presse, und umgekehrt. Dies gilt am meisten bei der Bühne und am wenigsten - Gott sei Dank - bei der absoluten Musik. So versuche ich, etwas von der Seriosität des absoluten Musikertums Richard Wagner und seiner heutigen Behandlung zu geben, ohne mich anderen Einflüssen zu verschließen. - Nach Mickischs Auffassung wäre der wirksamste Regisseur nun der, welcher das Großartige belässt, mit Spannung erzählt und Kontrastwirkungen durch ein differenziertes Wertesystem gewinnen kann, in welchem Hohes und Erhabenes nicht verschwindet. Mit einer zeitgeistigen Einebnung aller Werte oder dem Zwang zur Umwertung von Figuren könne man jedoch selten die großen Wahrheiten Wagners treffen. Was er als Musiker z. B. dazu sage, dass man Kundry überleben und Amfortas sterben lässt oder den Beckmesser am Schluss wieder auf die Festwiese zurückholt, möchten wir wissen. "Amfortas wird bezeichnenderweise nicht verbannt von Parsifal, sondern reintegriert in die Gralsgemeinschaft. Wenn Parsifal sein Leiden segnet, wird dies musikalisch untermauert. Für eine überlebende Kundry ist kein musikalisches Motiv vorhanden, wohl aber ihre Todesharmonik As-Dur - a-moll - As-dur. Dieser Tod gilt ja nur für ihren Ausgang aus der Geschichte dieses Stückes, Tod ist nicht gleich Ende. Ohne esoterische Komponente ist doch Wagner gar nicht verstehbar. - Beckmesser ist im Finale in der Musik der "Meistersinger" ebenfalls nicht präsent. Nach der selbstverschuldeten Blamage kommt er sicher nicht gleich zu allem Volk zurück, wie manche Regisseure zeigen, um vielleicht noch Stolzings Erfolg mitzufeiern, sondern wird halt nach 6 Wochen wieder einmal zu einem Meistersinger-Lions-Club-Treffen erscheinen, um sich dann langsam wieder im Verein einzugliedern. Es stünde zu hoffen, dass sein Prinzip des behindernden Bürokratentums (überaus aktuell!) in Zukunft weniger Schaden verursachen würde." Wir beleuchten noch die Frage nach dem vieldiskutierten Charakter Richard Wagners.: "Ich glaube, dass charakterliche Bewertungen eines künstlerischen Genies Unsinn sind. Goethe, Brahms und Thomas Mann waren auch keine Engel! Gute und brave Engel schreiben selten die ,Buddenbrooks' oder einen ,Tristan'. Vielschichtigkeit großer Kunst kann nicht aus einem eindimensionalen Wesen kommen." Wer sich all dessen bewusst ist, braucht nicht zu wettern und zu geifern, um andere zu "bekehren" - er kann es sich sogar leisten, Wagner mit Humor zu begegnen: die sicherste Methode, um Groß und Klein, Wesentlich und Unwesentlich zu unterscheiden. Sieglinde Pfabigan
|