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Der Pianist und Opern-Deuter
Stefan Mickisch erklärt, warum er das aktuelle Regietheater
beschränkt und rückschrittlich findet
Die moderierten Klavierabende des Pianisten und Musikwissenschaftlers, 45,
beschäftigen sich vor allem mit dem Werk Richard Wagners. Mickisch lebt in Wien und Schwandorf (Bayern)
Mehr als 100.000 Zuhörer kamen
bislang allein in Bayreuth zu seinen Vorträgen. 2008 wird er in
Abu Dhabi in den „Ring des Nibelungen" einführen.
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I N T E R V I E W
FOCUS:
Herr Mickisch, Sie führen am Klavier in die Werke Wagners und
anderer großer Komponisten ein. Glauben Sie, dass in 50 Jahren
noch jemand Opern hört?
Mickisch: Ja,
selbstverständlich. Vor allem deswegen, weil viele Opern sehr gute
Musik enthalten, und die möchte man hören, auch in 100
Jahren. Wenngleich es wohl zunehmend konzertante Aufführungen
geben und der Opern-CD-Markt weiter wachsen wird. Auch
Erläuterungen und Darbietungen in Konzerthäusern - sei es mit
Sängern und Orchestern oder wie in meinem Fall am Flügel -
werden noch gefragter werden. Diese Trends sind auch ein Reflex auf die
oft so unbefriedigenden Inszenierungen der Originalwerke auf
Opernbühnen.
FOCUS: Was genau empfinden Sie als unbefriedigend?
Mickisch: Die
Differenz zu erleben zwischen dem Werk und seiner Botschaft und dem,
was unter dem Titel dieses Werkes auf den Bühnen dargestellt wird.
Wir haben beispielsweise bei „Fidelio" oder „Parsifal"
Meisterwerke vor uns, die sozusagen nach oben offen sind. Regisseure
wissen aber meist nicht, was und wo oben ist und was eine transzendente
Öffnung bedeutet - sie stehen in ihrer Beschränktheit unten
und ziehen zu sich herab. Damit meinen sie, modern zu sein, und sind
doch wahnsinnig out. Was man heute unter Regietheater versteht, kommt
mir nur rückschrittlich vor.
FOCUS: Die Verantwortlichen halten sich aber eher für
fortschrittlich...
Mickisch: Aber sie bleiben weit hinter den Werken „zurück".
FOCUS: Können Sie Beispiele nennen?
Mickisch: Hans Neuenfels, Christoph Schlingensief, Katharina Wagner und so weiter.
FOCUS: Was meinen Sie, woraus der derzeit modische Inszenierungsstil resultiert?
Mickisch: Aus
der 68er-Bewegung - deren wenige positive Aspekte anzuerkennen sind -,
verbunden mit Unkenntnis der Materie, Abwesenheit von Geschmack,
Bildung und ethischer Tiefe sowie der Sucht nach „Neuem" um jeden
Preis, meist um den von Qualität und Seriosität.
Neuheit ist aber kein Eigenwert. Nur das Kriterium der Qualität
bestimmt, was wertvoll ist. Bach ist immer „neu", weil er gut
ist, Regietheater ist nicht deswegen gut, weil es „neu" ist.
FOCUS: Ihr Engagement zur Re- statt De-
Konstruktion der Werke gilt vor allem Richard
Wagner. Warum?
Mickisch:
Weil seine Werke in besonderem Maße von Liebe und Erlösung
sprechen, von Problemlösung durch liebevolle Zuwendung. Das damit
verbundene aktive Ringen um eine religiöse Dimension ist mir bei
einer Neuschöpfung oder Nachgestaltung der Musikdramen wichtig.
FOCUS: Sie meinen, eine Wagner-Oper ist ein religiöses Ereignis?
Mickisch:
Nicht nur, und es kommt auf die jeweilige Thematik an. Dem Wortsinn
nach heißt religio Zurück-Verbindung. Legato in der Musik
bedeutet im Gegensatz zu Staccato eine letztlich religiös
motivierte Ton-zu-Ton-Beziehung. Selbst die „Meistersinger von
Nürnberg", von vielen als leicht verständliche Komödie
eingestuft, behandeln ein religiöses Mysterium, das so genannte
Johannes-Mysterium. Es gibt zwölf Meistersinger - zwölf
Apostel -plus Hans Sachs - Johannes der Täufer-, der einem
Größeren - Walther von Stolzing - Platz macht und der einen
Taufvorgang ausführt in der Tonart der Transzendenz - Ges-Dur -,
nämlich im berühmten Quintett des dritten Aufzugs. Diese
Dinge sollte man wissen, bevor man mit dem Werk umgeht.
FOCUS:
Gleichwohl scheinen gerade Wagners Opern dem heutigen Theater ideale
Tummelplätze für die so genannte
Vergangenheitsbewältigung zu sein - etwa wenn ein Regisseur den
Schlussmonolog von Hans Sachs in den erwähnten
„Meistersingern" unterbricht und die Sänger diskutieren
lässt, ob man heute noch so unbefangen die deutsche Kunst preisen
dürfe. Alles Unsinn?
Mickisch: Sie
sprechen Herrn Peter Konwitschny an. Er ist einer der wenigen Kundigen,
die auch persönlich sehr nett sind und offen für
Diskussionen. Er kennt den Unterschied von Dur und Moll. Schade, dass
er trotz vieler genialer Einfälle und Aspekte die Schlüsse
der Wagner'schen Opern geistig-inhaltlich verfehlt. Auf die kommt es
aber maßgeblich an. Es ist, wie wenn einer ganz toll die
Beethoven'sche „Waldstein-Sonate" spielt und dann die letzte
Seite vollkommen in den Sand setzt.
FOCUS: Dann erklären Sie bitte: Was bedeutet das Ende der „Meistersinger" tatsächlich?
Mickisch: Es ist ein vielstimmiger, vielschichtiger Jubel, der durch Selbstbescheidung und Verzichtleistungen errungen wurde.
FOCUS: Auf
Ihrer „ Meistersinger "-Einführungs-CD behaupten Sie sogar,
der Stadtschreiber Beckmesser werde gar nicht verstoßen, sondern
im Gegenteil handle der Schluss der Oper auch von seiner bevorstehenden
Wieder-Integration ins städtische Ganze. Wie konnte da die Idee
entstehen, Beckmesser sei eine Judenkarikatur und werde von Wagner
quasi vernichtet?
Mickisch:
Beckmesser ist keine jüdische und auch keine jüdisch gemeinte
Figur, sondern ein sehr genauer, typisch deutscher Beamter und
Kritiker. Das beweist die Holzbläser-Verkleinerung des -
deutschen, nicht jüdischen - „Meistersinger "-Themas, das
ihm schon im Vorspiel und nachher auf der Festwiese beschreibend
zugeordnet wird. Im deutschen Beamtenapparat sind diese Charaktere
nicht unbekannt. Ein gewisser Neid auf echte Künstler, die
Freiheit verkörpern - Sachs und Stolzing -, ist für
beckmessernde Beamte unvermeidlich. Am Ende dieses köstlichen
Lehrstücks der „Meistersinger" geht der Merker Sixtus
Beckmesser - könnte übrigens ein Jude des 16. Jahrhunderts
Sixtus heißen? - einer verdienten Niederlage entgegen, weil er
sich überhoben hat. Der ältliche, trockene Arroganzling
bekommt ein ihn nicht wollendes und ihm nicht zustehendes junges
Mädchen nicht. Das ist alles.
FOCUS: Der Schlussjubel gilt also der Beendigung eines internen, sozusagen innerdeutschen Problems?
Mickisch:
Könnte man so sagen. Darüber hinaus ist die
übernationale, Johannei'sche Botschaft die Gewinnung der Einsicht,
abnehmen zu müssen: „Illum oportet crescere, me autem minui"
- „Er (Christus) muss wachsen, ich (Johannes) muss abnehmen" -
Isenheimer Altar 1516. Der Jubel ist auch eine Frucht der
Selbstüberwindung: Sachs verzichtet auf Eva, Stolzing auf seinen
aggressiven Adelsstolz, die Meistersinger auf die Sturheit ihrer
Regeln.
FOCUS: Wie fanden Sie denn die letztjährige „Meistersinger-Inszenierung von Katharina Wagner?
Mickisch: Wenn man das Stück liebt und kennt, was sich bedingt, kann einem diese Arbeit nicht gefallen.
FOCUS: Kann man sagen, dass Wagner in speziellem Maße durch Regie und Ausstattung verhunzbar ist?
Mickisch: Ja, weil er Transzendenz hat, unerhörte Qualität, große Tiefe, Schönheit und
Geschmack. Eine wirkliche Wagner-Regie, die
die Höhe dieser Werke erreicht, steht noch
aus. Zunächst einmal sollten sich nur Dramaturgen und Regisseure mit Opern befassen, die
Dur von Moll unterscheiden können, das wäre
schon mal die Eingangsprüfung.
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INTERVIEW: MICHAEL KLONOVSKY
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