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To the English translation of this review 

Stefan Mickisch und seine Einführungsvorträge in Bayreuth

Dr. Manfred Eger, NBK vom 19./ 20. August 2000

Wonnen der Nerven

und des Intellekts

Stefan Mickisch und seine Einführungsvorträge

Bayreuth

von Manfred Eger

Wagners Kunst - so Thomas Mann - bereite Wonnen der Nerven und des Intellekts. Stefan Mickisch belegt dies in seinen Einführungsvorträgen auf eine Weise, dass man verführt wird, dieses Prädikat auch auf seine Referate selbst anzuwenden. Hier wird nicht nur die vom Richard-Wagner-Verband gestellte Hausaufgabe erfüllt, nämlich die Zuhörer auf die Aufführungen vorzubereiten. Die Vorträge sind weit darüber hinaus selbst zu Attraktionen geworden. Sie ziehen immer mehr auch solche Besucher an - darunter viele auswärtige-, die keine Karten haben. Für sie sind Mickischs Matineen ein tröstlicher Ersatz für die Aufführungen, und mehr als nur ein Ersatz: sozusagen die Festspiele für die Kartenlosen.

Mickisch ist ein Doppelphänomen. Zum einen ein Referent, dem man am Mund hängt. Nicht nur weil er - ein Wagner-Bewunderer mit Herz und Mund und Tat - im Kosmos seiner Dichtungen und Partituren zu Hause ist, so dass er auch die einigermaßen Eingeweihten immer wieder mit neuen Einblicken überrascht. Zudem fesselt er durch seine Vortragsweise: Er spricht mit den Hörern, als würde er mit einem Gegenüber im Stehcafe reden, ohne die Spur eines akademischen Gehabes oder Jargons, sondern mit jedem Wort hautnah bei der Sache. Manche komplizierte Zusammenhänge bringt er mit einem Satz oder mit ein paar Stichworten auf den Nenner. Pathos und Schwärmerei haben bei ihm keine Chance, er kann aus heiterem Himmel ein trockenes Aperçu wie aus dem Pfefferglas kurz in die eben gezauberte Stimmung stippen, und das spontane Auflachen im Publikum zeigt, wie hellwach es ihm folgt.

 

Sein außergewöhnliches musiktheoretisches Wissen und sein wacher Blick ermöglichen es ihm, die Werke Wagners vor allem von der Musik her zu beleuchten, die ja - um wieder mit Thomas Mann zu sprechen - über ein „droben im Wort unbekanntes Wissen" verfügt und immer mehr weiß als der Text, als mancher gescheiter Exeget oder Regisseur. Man erfährt bei Mickisch auf diese Weise vieles, was dem bloßen Leser und selbst manchem unermüdlichen Hörer Wagners verborgen bleibt, nun aber tiefgründige Einblicke in die geistige Werkstatt und in das ungeheure, unglaublich konsequente musikalische und eben auch dramatisch-motivische Beziehungs- und Bedeutungsgeflecht vermittelt.

Diese Vorträge wären schon dann ein außerordentlicher Gewinn, wenn der Referent seine Musikzitate am Flügel halbwegs passabel abliefern könnte. Nun ist Mickisch aber zu allem goldenen Überfluss auch noch ein Pianist, ein exzellenter Konzertpianist, um genau zu sein, kongenial im Technischen wie im Künstlerisch-Interpretatorischen. Wer es nicht gehört hat, hält es nicht für möglich, wie beiläufig, aber mit welcher absolut perfekten Virtuosität zugleich er seine Musikzitate aus dem Flügel holt. Wie er, um Parallelen etwa in der Verwendung bestimmter Tonarten oder Intervalle aufzuzeigen, Bach, Wagner, Chopin, Brahms oder Skrjabin einfließen lässt, wie transparent und klar er die Strukturen selbst vier- und fünfstimmiger Ensembles oder Partiturteile auffächert und mit welcher Sensibilität er Stimmen wechselweise jeweils dominieren lässt oder zurücknimmt: All das ist mehr als nur kongenial. Und mit welcher Anschlagskultur, Wärme und Intensität er den Flügel singen lässt, ob bei kurzen oder bei längeren Zitaten, ist manchmal suggestiver und, ja, ergreifender, als man es nachmittags im Orchester hören kann. Auch manche Regisseure und Dirigenten würden diese Vorträge, die jedes Mal mit mehreren Hervorrufen, oft mit Bravochören quittiert werden, mit Gewinn hören. Dies ist übrigens jetzt auch per CD möglich: Fünf Opernvorträge Stefan Mickischs (RING und TRISTAN) liegen in Mitschnitten vor und finden - wen wundert's? - bei den begeisterten Zuhörern nach jedem Vortrag regen Zuspruch.

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English translation of this review:

The joys of emotion and intellect

 

Stefan Mickisch and his introductory lectures

 By Manfred Eger

 According to Thomas Mann, Wagner’s music brings joy to the emotions and to the intellect. Stefan Mickisch proves the truth of this in such a way that his audience is enticed into applying the statement to his own introductory lectures. They fulfil much more than the assignment given by the Richard Wagner Society, which is to prepare the audience for the festival performances; the introductory lectures have become in themselves an attraction to the festival public. They are increasingly attended by those who have not been able to obtain tickets for the festival performances, including people from outside Bayreuth. For these people, Mickisch’s introductory lectures are more than just a compensation, they have become the „Festival for the Ticketless“.

 Mickisch is a double phenomenon. On the one hand he is a speaker on whose every word one hangs. This is not just because as a Wagner lover heart and soul he is so much at home in the cosmos of Wagner’s libretti and orchestral  scores that he is able to bring surprising new insights to even the most initiated of Wagnerians. He is also able to captivate his listener through his style of lecturing: he speaks to his audience as if he were conversing with them in a café, without any trace of academic affectation or jargon, remaining true to his subject with every word. In one succinct sentence or a few key words he is able to relate complicated musical correlations to his listener. He has no time for pathos or idolisation; out of the blue come dry remarks straight from the pepper pot into the magical atmosphere he has just created, the spontaneous laughter from the audience showing how closely they have been following him. His extraordinary musical-theoretical knowledge and his lively insight make it possible for him to illuminate Wagner’s works, particularly from the aspect of the music which, to quote Thomas Mann again, commands: „droben im Wort unbekanntes Wissen“ (hidden knowledge which the text above it fails to make clear). Wagner’s music tells us more than words, or many a clever interpreter or opera director can. Stefan Mickisch thus reveals to us much which may escape even the most avid reader or many an untiring listener of Wagner’s music. He brings deep insight into Wagner’s spiritual workshop, his immense, unbelievably consequent musically and dramatically motivated web of interrelationship and meaning.

 These lectures would be an exceptional gain to the listener even if the lecturer were only able to play his chosen musical quotations on the piano competently. But Mickisch, besides his other excellent qualities, is also an outstanding concert pianist, congenial in technical as well as artistic interpretation. Without having heard his playing, it is difficult to imagine how he draws out of the piano his musical quotations so casually, yet with such perfect virtuosity. How, in order to draw comparison between the use of particular keys or intervals, he is able to weave in the music of Bach, Wagner, Chopin, Brahms or Skrjabin. How transparently and clearly he shows the structures in four or five part ensembles or fragments of the full score and with such sensitivity alternately brings out dominant musical themes while letting others recede: all this is more than gratifying. And with what touch, warmth and intensity he lets the piano sing, whether it be in short or long musical quotations. His playing is often more suggestive and, yes, more moving than we hear from the orchestra in the afternoon performance. Some conductors and directors would benefit from hearing these lectures, which are met with such bravo choruses and with such admiration. Stefan Mickisch’s lectures on the RING and on TRISTAN are now, by the way, available on CD. (The remaining works of the Bayreuth canon will be released in July 2001). These live recordings, it comes as no surprise, are in great demand by the enraptured public after each lecture.

            

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