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Gut 98,5
Prozent aller Opernmenschen - Musiker, Dirigenten, Sänger,
Publikum - leiden unterm meist so genannten (Opern-)Regietheater;
eigentlich nur jene seit rund 40 Jahren Verbrechen gebärenden
und verantwortenden Regie-Matadore und die ihnen in
Nibelungentreue fest assoziierten Fachjoumalisten sowie
nachwachsende und bereits fehlgesteuerte Kindsköpfe sind dafür.
Das Leid wird sich, heute bereits befürchtbar, mit dem
Bayreuth-Einstand der Urenkelin Katharina Wagner 2007 weiter und
weitgehend widerstandslos vermehren, wagt sich doch der SpätTwen ausgerechnet an das wohl komplexeste der wagnerschen
Musikdramen, die leicht missverständlichen und deshalb häufig
diskreditierten „Meistersinger". Wer unterm weltweiten
Regietheater-Zwang, wie er seit spätestens der Jahrtausendwende
auch Bayreuths Grünen Hügel fest und wohl irreversibel im Griff
hat, gar zu schmerzlich seufzt, für den ist Abhilfe, zumindest
Linderung am Winken: durch Stefan Mickischs Wagner-Matineen,
täglich zur Festspielzeit und kombiniert jeweils mit den
nachmittäglichen Vorstellungen.
„Festspiele für die Kartenlosen" hieß bisher der
Werbespruch; billig und nicht allzu snobistisch ließe sich
leicht nachbessern: „Festspiele für alle
Festspielhausverweigerer".
Früher, nach 1876, wurde im Sommer alljährlich von mundialen
Potentaten und Magnaten und vom gemeinen Volk hoch zum
Hügel-Heiligtum „gewallt". Heute „wallt" man auch und vorzüglich
zu Mickischs Wagner-Matinee, täglich im Gemeindehaus, einen
Steinwurf vom Haus Wahnfried des späten Richard Wagner entfernt.
Vom Straßencafe aus in der RichardWagner-Straße erkennt man mit
beinahe völliger Sicherheit, wer von den Passanten dem schieren
Kapitalismus dient und bloß schnödprofanes Shopping macht - und
wer gemessenen oder eiligen Schrittes zu Mickisch und also zum
mehr Sakralen und zur wagnerschen Kapitalismuskritik wallt oder
auch wandelt, sich in die Untiefen der weihlichen WagnerWerke
willig einführen zu lassen.
Mickisch, 44, der zu dem Amt ein wenig wie Pontius ins Credo per
Zufall geriet, ist im Kern eine modernere Version des
Musikmoderators Lenny Bernstein oder auch des vor drei Jahren
verewigten Opernconnaisseurs und -causeurs Marcel Prawy; seine
je eineinhalbstündige tour aux sources des „Ring des
Nibelungen" oder des „Parsifal" zehrt von großer, müheloser
Kundigkeit und von ein bisschen Anekdotischem - überlegen ist
Mickisch dem TV-populären Wiener durch die durchaus adornonahe
Werkanalyse und Kraft der Virtuosität des begleiteten
Flügelspiels. Fast artistisch gehen Pianoforte und Parlando
ineinander über - der doppelte Meister kann es sich dabei sogar
leisten, vom starren Schema weg zu improvisieren und, hin und
wieder sein Publikum leicht irreleitend, von Kundry heimlich weg
bei Isolde und gar beim StraußWalzer zu landen. Das zunächst
manche etwas
irritierende zentralbayerische Sprachmelos passt gut dazu -
auch „der Japaner" (G. Polt) in seiner wagnerischen Wissenswut
vermag Mickisch mühelos zu folgen. Wegfall des
Heimelig-Dialektmäßigen, weiß der Conferencier, würde sogar
moniert werden.
Die anderthalb Stunden vergehen rascher als der erste „Parsifal"-Akt
in all seiner Orchestersämigkeit und leider auch -bräsigkeit.
Mickisch, der vordem dem Richard-WagnerVerband zuarbeitete,
sich nach vier Jahren als genuin autonome Natur separierte und
nun von dort eine (z. T simultane) Klavier-Konkurrenz vorgesetzt
bekam, aber in seinem „Kultstatus" nicht allzu sehr fürchten
muss - Mickisch vermischt meist und abermals virtuos seine
Klavierkünste mit diversen Hintergrundinformationen über die götterdämmerliche Edda, über die historischen
Meistersingerzünfte und die Geheimnisse von Gral und Karma und
sogar Buddha, aber auch über den leitmotivischen Tritonus in
Hagens Nachtgesängen; über Zitat und Selbstzitat und Luther und Stilzitat in der Nürnberg-Oper. „Von Mickisch können selbst alte
Wagnerianer wie ich noch viel lernen", wunderte sich der Chef
der Wiener Staatsoper, Ioan Holender.
Manchmal, selten, möchten sie auch widersprechen. Etwa wenn der
Bühnen-Rastelli überraschend inhaltlich-gehaltlich
interpretiert, weniger (was man vom Musiker erwarten möchte)
formal und opernmäßig. Das Speer-Leitmotiv etwa in Brünnhildes
Schlussgesang wertet er als Wotans Übergabe des Rechts an die
bald drauf ekstatisch sterbende Tochter. Andere sehen und hören
in diesen 20 „Ring"-Minuten bloß noch ein forciertes
Arrangement, ein auf Teufel komm raus effektheischerisches
Potpourri von möglichst allen „Ring"-Leitmotiven: 80 (von
insgesamt 120) hat Emil Ludwig einst nachgezählt.
Dass
dem Oberpfälzer „Wagners sächsischer Humor" (Adorno), die
werkimmanente Komik, nicht fremd ist, mehrfach wird es wohltuend
spürbar. Manchmal mündet's in eine richtiggehende Legierung
Wagner-Karl Valentin wider Opernpomp und einhelliges Pathos.
Dann wieder wird es deftig. „Amfortas", lüftet sich definitiv
das Gralsgeheimnis, „konnte weder den großen noch den kleinen
Speer mehr kontrollieren" (beifällige Wagnerianer-Heiterkeit).
Nicht
nur populäre Piecen wie den „Trauermarsch" hämmert Mickisch
auswendig - sondern mit Bravour angeblich alles, auch die
Nichtohrwürmer wie etwa das harmonisch fremdelnde Rache-Terzett
der „Götterdämmerung". Die Geigen und Flöten des „Feuerzaubers"
tönen im Festspielhaus unter Thielemann gewiss noch schwirriger,
aber auch aus dem Flügel heraus noch wirbelig und sinnvernebelnd
genug. Zwar kann Mickisch nicht den Metallglanz von
Heldentenören ersetzen (anders als Richard Wagner singt er
grundsätzlich nicht) - aber er lässt sogar sie ahnen. Und die
„unendliche Melodie" sowieso. Zur Genugtuung all jener Alt- und
Neuwagnerianer, denen vielleicht noch nicht die regielich
angepackte Kapitalismuskritik bei Chéreau und Götz Friedrich auf
den Geist ging, spätestens aber zuletzt die infinitive
Beliebigkeit, das maßlos dämliche Geniegetue, das da aus
schierer Ignoranz, statt Kundry zu erlösen, sie mit
afrikanischen Vodoo-Windbeuteleien verrührte.
Nein, spürbar und vernehmlich ist auch Mickisch kein Freund des
Regietheater-Terrors.
Längst aber hat er sein Sortiment über Bayreuth und
Wagner hinaus expandiert, übers Jahr hinweg und europaweit -
seine Vorträge lässt er via seine Firma Fafnerphon
eigenvertrieblich unter die Leute bringen. Mickisch dient als
Liedbegleiter, operiert nächstens wieder beim Bonner
Beethovenfest und hat auch seltene und heikle Klaviermusik, zum
Beispiel Reger, aufgenommen.
Seine sommerlichen Bayreuth-Nebenfestspiele bleiben aber wohl
das Zentrum. Warum gehen heute, da „die großen Tage des
Wagnerismus längst hinter uns liegen" (Igor Strawinsky
reichlich vorlaut 1912), in Massen nach Bayreuth? Vermutlich aus
Gewohnheit wie aus altem Weihebedürfnis und weil die dortigen Regiekaspereien an ihnen abtropfen wie alles andere auch. Warum
aber wallen Bayreuther und Bayreuth-Pilger, und gerade ja die
schon kundigeren, zu Mickisch? Vor allem wohl, weil sie dort
nicht mit Regieunfug angeschmiert werden. Weil bei ihm„ Deutung
euch zu schulden" (Eva in der Nürnberg-Oper) wahrlich und ganz
altmodisch Gebot ist. Man darf das etwas paradox finden bei
einem „Opernführer der neuen Generation". |