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Die Gegen-Festspiele
Eckhard Henscheid über Stefan Mickischs Bayreuth-Auftritte
FOCUS Nr.37 - 11. Septemper 2006
 

Gut 98,5 Prozent aller Opernmenschen - Musiker, Dirigenten, Sänger, Publikum - leiden unterm meist so genannten (Opern-)Regietheater; eigentlich nur jene seit rund 40 Jahren Verbrechen gebärenden und verantwortenden Regie-Matadore und die ihnen in Nibelungentreue fest assoziierten Fachjoumalisten sowie nachwachsende und bereits fehlgesteuerte Kindsköpfe sind dafür. Das Leid wird sich, heute bereits befürchtbar, mit dem Bayreuth-Einstand der Urenkelin Katharina Wagner 2007 weiter und weitgehend widerstandslos vermehren, wagt sich doch der Spät­Twen ausgerechnet an das wohl komplexeste der wagnerschen Musikdramen, die leicht missverständlichen und deshalb häufig diskreditierten „Meistersinger". Wer unterm weltweiten Regietheater-Zwang, wie er seit spätestens der Jahrtausendwende auch Bayreuths Grünen Hügel fest und wohl irreversibel im Griff hat, gar zu schmerzlich seufzt, für den ist Abhilfe, zumindest Linderung am Winken: durch Stefan Mickischs Wagner-Matineen, täglich zur Festspielzeit und kombiniert jeweils mit den nachmittäglichen Vorstellungen.

„Festspiele für die Kartenlosen" hieß bisher der Werbespruch; billig und nicht allzu snobistisch ließe sich leicht nachbessern: „Festspiele für alle Festspielhausverweigerer".

Früher, nach 1876, wurde im Sommer alljährlich von mundialen Potentaten und Magnaten und vom gemeinen Volk hoch zum Hügel-Heiligtum „gewallt". Heute „wallt" man auch und vorzüglich zu Mickischs Wagner-Matinee, täglich im Gemeindehaus, einen Steinwurf vom Haus Wahnfried des späten Richard Wagner entfernt. Vom Straßencafe aus in der Richard­Wagner-Straße erkennt man mit beinahe völliger Sicherheit, wer von den Passanten dem schieren Kapitalismus dient und bloß schnöd­profanes Shopping macht - und wer gemessenen oder eiligen Schrittes zu Mickisch und also zum mehr Sakralen und zur wagnerschen Kapitalismuskritik wallt oder auch wandelt, sich in die Untiefen der weihlichen Wagner­Werke willig einführen zu lassen.

Mickisch, 44, der zu dem Amt ein wenig wie Pontius ins Credo per Zufall geriet, ist im Kern eine modernere Version des Musikmoderators Lenny Bernstein oder auch des vor drei Jahren verewigten Opernconnaisseurs und -causeurs Marcel Prawy; seine je eineinhalbstündige tour aux sources des „Ring des Nibelungen" oder des „Parsifal" zehrt von großer, müheloser Kundigkeit und von ein bisschen Anekdotischem - überlegen ist Mickisch dem TV-populären Wiener durch die durchaus adornonahe Werkanalyse und Kraft der Virtuosität des begleiteten Flügelspiels. Fast artistisch gehen Pianoforte und Parlando ineinander über - der doppelte Meister kann es sich dabei sogar leisten, vom starren Schema weg zu improvisieren und, hin und wieder sein Publikum leicht irreleitend, von Kundry heimlich weg bei Isolde und gar beim Strauß­Walzer zu landen. Das zunächst manche et
was irritierende zentralbayerische Sprachmelos passt gut dazu - auch „der Japaner" (G. Polt) in seiner wagnerischen Wissenswut vermag Mickisch mühelos zu folgen. Wegfall des Heimelig-Dialektmäßigen, weiß der Conferencier, würde sogar moniert werden.

Die anderthalb Stunden vergehen rascher als der erste „Parsifal"-Akt in all seiner Orchestersämigkeit und leider auch -bräsigkeit. Mickisch, der vordem dem Richard-Wagner­Verband zuarbeitete, sich nach vier Jahren als genuin autonome Natur separierte und nun von dort eine (z. T simultane) Klavier-Konkurrenz vorgesetzt bekam, aber in seinem „Kultstatus" nicht allzu sehr fürchten muss - Mickisch vermischt meist und abermals virtuos seine Klavierkünste mit diversen Hintergrundinformationen über die götterdämmerliche Edda, über die historischen Meistersingerzünfte und die Geheimnisse von Gral und Karma und sogar Buddha, aber auch über den leitmotivischen Tritonus in Hagens Nachtgesängen; über Zitat und Selbstzitat und Luther und Stilzitat in der Nürnberg-Oper. „Von Mickisch können selbst alte Wagnerianer wie ich noch viel lernen", wunderte sich der Chef der Wiener Staatsoper, Ioan Holender.


Manchmal, selten, möchten sie auch widersprechen. Etwa wenn der Bühnen-Rastelli überraschend inhaltlich-gehaltlich interpretiert, weniger (was man vom Musiker erwarten möchte) formal und opernmäßig. Das Speer-Leitmotiv etwa in Brünnhildes Schlussgesang wertet er als Wotans Übergabe des Rechts an die bald drauf ekstatisch sterbende Tochter. Andere sehen und hören in diesen 20 „Ring"-Minuten bloß noch ein forciertes Arrangement, ein auf Teufel komm raus effektheischerisches Potpourri von möglichst allen „Ring"-Leitmotiven: 80 (von insgesamt 120) hat Emil Ludwig einst nachgezählt.

Dass dem Oberpfälzer „Wagners sächsischer Humor" (Adorno), die werkimmanente Komik, nicht fremd ist, mehrfach wird es wohltuend spürbar. Manchmal mündet's in eine richtiggehende Legierung Wagner-Karl Valentin wider Opernpomp und einhelliges Pathos. Dann wieder wird es deftig. „Amfortas", lüftet sich definitiv das Gralsgeheimnis, „konnte weder den großen noch den kleinen Speer mehr kontrollieren" (beifällige Wagnerianer-Heiterkeit).

Nicht nur populäre Piecen wie den „Trauermarsch" hämmert Mickisch auswendig - sondern mit Bravour angeblich alles, auch die Nichtohrwürmer wie etwa das harmonisch fremdelnde Rache-Terzett der „Götterdämmerung". Die Geigen und Flöten des „Feuerzaubers" tönen im Festspielhaus unter Thielemann gewiss noch schwirriger, aber auch aus dem Flügel heraus noch wirbelig und sinnvernebelnd genug. Zwar kann Mickisch nicht den Metallglanz von Heldentenören ersetzen (anders als Richard Wagner singt er grundsätzlich nicht) - aber er lässt sogar sie ahnen. Und die „unendliche Melodie" sowieso. Zur Genugtuung all jener Alt- und Neuwagnerianer, denen vielleicht noch nicht die regielich angepackte Kapitalismuskritik bei Chéreau und Götz Friedrich auf den Geist ging, spätestens aber zuletzt die infinitive Beliebigkeit, das maßlos dämliche Geniegetue, das da aus schierer Ignoranz, statt Kundry zu erlösen, sie mit afrikanischen Vodoo-Windbeuteleien verrührte.

Nein, spürbar und vernehmlich ist auch Mickisch kein Freund des Regietheater-Terrors.


Längst aber hat er sein Sortiment über Bayreuth und Wagner hinaus expandiert, übers Jahr hinweg und europaweit - seine Vorträge lässt er via seine Firma Fafnerphon eigenvertrieblich unter die Leute bringen. Mickisch dient als Liedbegleiter, operiert nächstens wieder beim Bonner Beethovenfest und hat auch seltene und heikle Klaviermusik, zum Beispiel Reger, aufgenommen.

Seine sommerlichen Bayreuth-Nebenfest­spiele bleiben aber wohl das Zentrum. Warum gehen heute, da „die großen Tage des Wagnerismus längst hinter uns liegen" (Igor Strawinsky reichlich vorlaut 1912), in Massen nach Bayreuth? Vermutlich aus Gewohnheit wie aus altem Weihebedürfnis und weil die dortigen Regiekaspereien an ihnen abtropfen wie alles andere auch. Warum aber wallen Bayreuther und Bayreuth-Pilger, und gerade ja die schon kundigeren, zu Mickisch? Vor allem wohl, weil sie dort nicht mit Regieunfug angeschmiert werden. Weil bei ihm„ Deutung euch zu schulden" (Eva in der Nürnberg-Oper) wahrlich und ganz altmodisch Gebot ist. Man darf das etwas paradox finden bei einem „Opernführer der neuen Generation".

 
 

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