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Ringfahrt im Tastenrausch
Stefan Mickisch in Karlsruhe
Badische Neueste Nachrichten - 10.04.2007 - von Ulrich Hartmann

 

Hätten Sie's gewusst? Dass sich die Urfreude der Rheintöchter pentatonisch ausdrückt, dass die Tonart d-moll nicht nur bei Wagner, sondern auch bei Beethoven und Mozart für Zorn und Sturm steht, dass sich Leonard Bernstein ganz ungeniert mit der ziemlich wörtlichen Anleihe eines Liebesmotivs aus der Walküre für seine West Side Story bedient hat? Solches und weitere Kuriositäten wusste der Pianist Stefan Mickisch in seinen höchst anregenden Wagner-Stunden im Badischen Staatstheater zu berichten. Die fielen wohl deshalb besonders lang aus, weil der red- und spielselige Wagner-Experte erstmals den ganzen „Ring" in ein abendliches Programm packte. Am überaus herzlichen wie enthusiastischen Beifall war indes zu bemerken, dass seine Zuhörer dies keinesfalls als Überlänge, sondern wohl eher im Sinne Schumanns als „himmlische Längen" empfanden.

Somit entsprach der Pianist und Plauderer aus Schwandorf, dessen unverblümtes Oberpfälzisch allein schon für animierte Stimmung im Karlsruher Opernhaus sorgte, seinem vorzüglichen Ruf als kultiger Wagner-Exeget, der die Zuhörer mit einem anspruchsvollen Gemisch aus kompetenten Kommentaren und virtuosem Klavierspiel in seinen Bann schlägt. Selbst geübte Bayreuth-Besucher betrachten seine Einführungen als Pflichtprogramm, und so folgten denn auch viele Wagnerianer (und solche, die es werden wollen) dem Ruf des Staatstheaters und des Karlsruher Richard-Wagner-Verbands, die den populären Gast in einem „moderierten Klavierkonzert", passend zum zweiten „Ring"-Zyklus, präsentierten.

Den etwas exotischen Titel verdiente der Abend durchaus, denn die exquisiten pianistischen Fähigkeiten des Referenten machen einen Großteil des künstlerischen Ertrags des Ganzen aus. Selbst ohne Worte würde der orchestrale Tastenrausch zum mitreißenden Wagner-Ereignis. Man spürt in jedem Takt, dass Mickisch den „Ring" nicht nur in Detail verinnerlicht hat, sondern von seinem musikalischen Charisma durch und durch erfasst ist. So durcheilt der sensible Virtuose die vier Teile Rheingold, Walküre, Siegfried und Götterdämmerung mitunter wie in hingebungsvoller Trance. Sein fabelhaftes Klavierspiel erlaubt ihm nicht zuletzt abenteuerliche Verknüpfungen: So flicht er ins Waldweben höchst raffiniert Elemente von Ravel (Miroirs), Debussy (Arabeske) und Rachmaninow (zweites Klavierkonzert) ein, um damit eindrucksvoll zu belegen, wie weit Wagners Wirkung auf die
Nachwelt reichte.

Was wäre solch spielerische Gelehrsamkeit ohne die witzige Würze, mit der Mikisch seine amüsante „Ring"-Zubereitung durchmischt. Es gab viel zu lachen im Opernhaus; nicht nur über den Hinweis, dass Siegfried ganz in der Nähe der BASF bei Ludwigshafen ermordet worden sei, oder über den staunenden Bruckner, der sich angesichts des Walküren-Feuerzaubers fragte, warum denn Brünnhilde verbrannt werden müsse. Und dann über Mikischs Schlusspointe: Das letzte Wort in der „Götterdämmerung", Hagens „Zurück vom Ring!", gelte für Rheintöchter und - Regisseure. Aber gewiss nicht für den sympathischen Wagner-Reisenden aus Schwandorf, wie man hinzufügen möchte.

Ulrich Hartmann

 
 

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