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Hätten Sie's
gewusst? Dass sich die Urfreude der Rheintöchter pentatonisch
ausdrückt, dass die Tonart d-moll nicht nur bei Wagner, sondern
auch bei Beethoven und Mozart für Zorn und Sturm steht, dass
sich Leonard Bernstein ganz ungeniert mit der ziemlich
wörtlichen Anleihe eines Liebesmotivs aus der Walküre für seine
West Side Story bedient hat? Solches und weitere Kuriositäten
wusste der Pianist Stefan Mickisch in seinen höchst anregenden
Wagner-Stunden im Badischen Staatstheater zu berichten. Die
fielen wohl deshalb besonders lang aus, weil der red- und
spielselige Wagner-Experte erstmals den ganzen „Ring" in ein
abendliches Programm packte. Am überaus herzlichen wie
enthusiastischen Beifall war indes zu bemerken, dass seine
Zuhörer dies keinesfalls als Überlänge, sondern wohl eher im
Sinne Schumanns als „himmlische Längen" empfanden.
Somit entsprach der Pianist und Plauderer aus Schwandorf, dessen
unverblümtes Oberpfälzisch allein schon für animierte Stimmung
im Karlsruher Opernhaus sorgte, seinem vorzüglichen Ruf als
kultiger Wagner-Exeget, der die Zuhörer mit einem
anspruchsvollen Gemisch aus kompetenten Kommentaren und
virtuosem Klavierspiel in seinen Bann schlägt. Selbst geübte
Bayreuth-Besucher betrachten seine Einführungen als
Pflichtprogramm, und so folgten denn auch viele Wagnerianer (und
solche, die es werden wollen) dem Ruf des Staatstheaters und des
Karlsruher Richard-Wagner-Verbands, die den populären Gast in
einem „moderierten Klavierkonzert", passend zum zweiten „Ring"-Zyklus,
präsentierten.
Den etwas exotischen Titel verdiente der Abend durchaus, denn
die exquisiten pianistischen Fähigkeiten des Referenten machen
einen Großteil des künstlerischen Ertrags des Ganzen aus. Selbst
ohne Worte würde der orchestrale Tastenrausch zum mitreißenden
Wagner-Ereignis. Man spürt in jedem Takt, dass Mickisch den
„Ring" nicht nur in Detail verinnerlicht hat, sondern von seinem
musikalischen Charisma durch und durch erfasst ist. So durcheilt
der sensible Virtuose die vier Teile Rheingold, Walküre,
Siegfried und Götterdämmerung mitunter wie in hingebungsvoller
Trance. Sein fabelhaftes Klavierspiel erlaubt ihm nicht zuletzt
abenteuerliche Verknüpfungen: So flicht er ins Waldweben höchst
raffiniert Elemente von Ravel (Miroirs), Debussy (Arabeske) und
Rachmaninow (zweites Klavierkonzert) ein, um damit eindrucksvoll
zu belegen, wie weit Wagners Wirkung auf die
Nachwelt reichte.
Was wäre solch spielerische Gelehrsamkeit ohne die witzige
Würze, mit der Mikisch seine amüsante „Ring"-Zubereitung
durchmischt. Es gab viel zu lachen im Opernhaus; nicht nur über
den Hinweis, dass Siegfried ganz in der Nähe der BASF bei
Ludwigshafen ermordet worden sei, oder über den staunenden
Bruckner, der sich angesichts des Walküren-Feuerzaubers fragte,
warum denn Brünnhilde verbrannt werden müsse. Und dann über
Mikischs Schlusspointe: Das letzte Wort in der
„Götterdämmerung", Hagens „Zurück vom Ring!", gelte für
Rheintöchter und - Regisseure. Aber gewiss nicht für den
sympathischen Wagner-Reisenden aus Schwandorf, wie man
hinzufügen möchte.
Ulrich Hartmann |