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Scharfsinnige Analyse, witzige Moderation
Stefan Mickisch gab im Theater am Goetheplatz eine fesselnde Einführung in "Tristan und Isolde"
Weser Kurier Bremen - 15.05.2007 - von Michael Pitz-Grewenig

 

Mit seinen Gesprächskonzerten zu Wagners Bühnenwerken hat der Pianist Stefan Mickisch sich eine gewaltige Hörergemeinde geschaffen. Seine Einführungsveranstaltungen während der Bayreuther Festspiele sind mittlerweile legendär. Ausdauer und Humor, pianistisches und didaktisches Können bewies Stefan Mickisch auch im Goethe-Theater, wo er eine brillante und charmante Einführung zu Wagners Musikdrama "Tristan und Isolde" gab, das in Kürze in der Fassung von Regisseurin Reinhild Hoffmann die letzte Premiere unter Intendant Klaus Pierwoß sein wird.
In Bremen gastierte Mickisch zum vierten Mal vor vollem Haus. Es ist seine unnachahmliche Synthese aus scharfsinniger Analyse, witziger Moderation und pianistischer Bravour der Klangbeispiele, die seine Vorträge so interessant und lehrreich macht. Das zeigte sich gleich zu Beginn, als er Otto Wesendonck, dem Ehemann von Mathilde Wesendonck dankte, weil er "besser" als Richard Wagner gewesen ist. Aus diesem Grunde blieb die Liebe des jungen Komponisten Wagner zu Mathilde eher unerfüllt, und Wagner musste seine Gefühle in dem Musikdrama "Tristan und Isolde" verarbeiten. Darauf muss man erst einmal kommen.
Aber dann ging es gleich ernsthaft zur Sache. Nicht nur Handlungsstränge wurden entwirrt, sondern auch die semantisch vieldeutige Struktur der Partitur en passant verdeutlicht, z. B. erster Aufzug, 5. Szene. Wie ein Restaurator legte Mickisch Schicht für Schicht frei. Stellte grundlegende kompositorische Sachverhalte vor, verwies auf Zusammenhänge mit anderen Komponisten, kam zurück zu Wagner, baute diesen Schicht für Schicht wieder zusammen und machte so die stellenweise komplexe polyphone Struktur einsichtig.
Es war schon faszinierend, wie Mickisch Fragen des Akkordaufbaus, der verschiedenen Tonarten, motivische Bezüge auf höchstem Niveau auch Zuhörern ohne entsprechendes Vorwissen näher bringen kann. Wunderbar erklärte er den Gebrauch von Tonarten wie Fis- und Ges-Dur, die er innerhalb der Tristan-Partitur als Verschiebung Transzendenz und Realität deutete und gleich zu entscheidenden Stellen im 2. Aufzug kam.
Bevor er aber wieder zum Musikalischen kam, richtet er das Augenmerk auf den Text, in welchem Tristan seine berühmten drei Fragen stellt. "Haben Sie überhaupt die Frage verstanden?", fragte Mickisch sein Publikum, aber auch sich selbst. Die ersten beiden bekommen noch irgendwie eine Antwort, aber bei der dritten "... da reicht sein (Tristans) Köpfchen nicht mehr!" Aber es geht ja auch um die Konzeption von Liebe-Tod-Identität. Dann schaute er nach, ob die Frage musikalisch mit Hilfe von Chromatik, Harmonik usw. beantwortet wird. Dann wies er in einem faszinierenden Assoziationskomplex Zusammenhänge mit Beethoven, Chopin, Schubert, Liszt, Brahms, Strawinsky etc. nach, der gesamte Kosmos von Wagners Ästhetik wurde in nuce transparent, Aspekte romantischer Musikästhetik wurden so nebenbei erläutert.
Manches ist sicherlich zu hinterfragen, aber das ist nicht so bedeutsam. Immerhin schaffte es Mickisch, das Publikum über zweieinhalb Stunden (!) zu fesseln und lieferte eine hochintellektuelle und pianistisch bewundernswerte Einführung in dieses gewichtige Musikdrama. Einige neue Einsichten, hervorragend konzipierte Arrangements sowie der lockere Vortrag dürften selbst bei eingefleischten Wagnerianern zu einem Erkenntnisgewinn geführt haben.

 
 

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