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Mit seinen
Gesprächskonzerten zu Wagners Bühnenwerken hat der Pianist
Stefan Mickisch sich eine gewaltige Hörergemeinde geschaffen.
Seine Einführungsveranstaltungen während der Bayreuther
Festspiele sind mittlerweile legendär. Ausdauer und Humor,
pianistisches und didaktisches Können bewies Stefan Mickisch
auch im Goethe-Theater, wo er eine brillante und charmante
Einführung zu Wagners Musikdrama "Tristan und Isolde" gab, das
in Kürze in der Fassung von Regisseurin Reinhild Hoffmann die
letzte Premiere unter Intendant Klaus Pierwoß sein wird.
In Bremen gastierte Mickisch zum vierten Mal vor vollem Haus. Es
ist seine unnachahmliche Synthese aus scharfsinniger Analyse,
witziger Moderation und pianistischer Bravour der
Klangbeispiele, die seine Vorträge so interessant und lehrreich
macht. Das zeigte sich gleich zu Beginn, als er Otto Wesendonck,
dem Ehemann von Mathilde Wesendonck dankte, weil er "besser" als
Richard Wagner gewesen ist. Aus diesem Grunde blieb die Liebe
des jungen Komponisten Wagner zu Mathilde eher unerfüllt, und
Wagner musste seine Gefühle in dem Musikdrama "Tristan und
Isolde" verarbeiten. Darauf muss man erst einmal kommen.
Aber dann ging es gleich ernsthaft zur Sache. Nicht nur
Handlungsstränge wurden entwirrt, sondern auch die semantisch
vieldeutige Struktur der Partitur en passant verdeutlicht, z. B.
erster Aufzug, 5. Szene. Wie ein Restaurator legte Mickisch
Schicht für Schicht frei. Stellte grundlegende kompositorische
Sachverhalte vor, verwies auf Zusammenhänge mit anderen
Komponisten, kam zurück zu Wagner, baute diesen Schicht für
Schicht wieder zusammen und machte so die stellenweise komplexe
polyphone Struktur einsichtig.
Es war schon faszinierend, wie Mickisch Fragen des
Akkordaufbaus, der verschiedenen Tonarten, motivische Bezüge auf
höchstem Niveau auch Zuhörern ohne entsprechendes Vorwissen
näher bringen kann. Wunderbar erklärte er den Gebrauch von
Tonarten wie Fis- und Ges-Dur, die er innerhalb der
Tristan-Partitur als Verschiebung Transzendenz und Realität
deutete und gleich zu entscheidenden Stellen im 2. Aufzug kam.
Bevor er aber wieder zum Musikalischen kam, richtet er das
Augenmerk auf den Text, in welchem Tristan seine berühmten drei
Fragen stellt. "Haben Sie überhaupt die Frage verstanden?",
fragte Mickisch sein Publikum, aber auch sich selbst. Die ersten
beiden bekommen noch irgendwie eine Antwort, aber bei der
dritten "... da reicht sein (Tristans) Köpfchen nicht mehr!"
Aber es geht ja auch um die Konzeption von Liebe-Tod-Identität.
Dann schaute er nach, ob die Frage musikalisch mit Hilfe von
Chromatik, Harmonik usw. beantwortet wird. Dann wies er in einem
faszinierenden Assoziationskomplex Zusammenhänge mit Beethoven,
Chopin, Schubert, Liszt, Brahms, Strawinsky etc. nach, der
gesamte Kosmos von Wagners Ästhetik wurde in nuce transparent,
Aspekte romantischer Musikästhetik wurden so nebenbei erläutert.
Manches ist sicherlich zu hinterfragen, aber das ist nicht so
bedeutsam. Immerhin schaffte es Mickisch, das Publikum über
zweieinhalb Stunden (!) zu fesseln und lieferte eine
hochintellektuelle und pianistisch bewundernswerte Einführung in
dieses gewichtige Musikdrama. Einige neue Einsichten,
hervorragend konzipierte Arrangements sowie der lockere Vortrag
dürften selbst bei eingefleischten Wagnerianern zu einem
Erkenntnisgewinn geführt haben. |