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Die Bayreuther Volksfestspiele

Frankfurter Allgemeine
- 14. August 2007 - von Elke Heidenreich

 

Jeden Vormittag gibt an den Spieltagen ein Herr Stefan Mickisch am Flügel Einführungsvorträge zum Stück am Abend. Es sind, sagte man mir, die „Festspiele für Kartenlose", die kommen in Scharen je-
den Tag, und sie werden nicht enttäuscht. Da sitzt einer, der sich auskennt, und er haut in die Tasten und erzählt beim Thema Erotik (Tristan und Isolde!) sogar von Reich-Ranicki und Sigrid Löffler, das muss man gehört haben! Er erklärt die einfachsten Dinge. Tannhäuser, sagt er, der heißt so, weil er im Tann haust, im Wald, nicht wahr, „des is ja eigentlich der Heinrich von Ofterdingen, ein Minnesänger". Und er erklärt den Unterschied zwischen der erotisch aufgeladenen Pariser und der gereinigten Dresdner Fassung, die wir am Abend hören werden. Keine Kritik in keiner Zeitung bringt den Menschen, die interessiert sind, aber nicht alles in ihrem Leben lernen durften und konnten, komplizierte Zusammenhänge so einfach nahe.

Wer nach Mickischs Vortrag in einer Wagner-Oper sitzt, erkennt jedes Motiv, begreift Zusammenhänge, kann den ersten vorn zweiten Pilgerchor unterscheiden und lernt nach so manches nebenbei: dass G-Dur die Tonart der Unschuld ist, B-Dur die Glaubenstonart, As-Dur steht für Liebesträume, C-Dur fürs Klare und Es-Dur wird feierlichen Urmythen zugeordnet, und Herr Mickisch prescht von Wagner zu Brahms, Bach, Haydn, Bruckner, um das alles zu beweisen, und es macht Spaß. Da ist mir die Kultur näher als bei dem Intellektuellen mit hochgezogenen Augenbrauen, der mich geistesverwandt wähnt und mir verschwörerisch zuraunt: „Was hier auf der Bühne passiert, ist ganz, ganz groß. Das ist absolut beachtlich." Ja doch.

 
 

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