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Jeden
Vormittag gibt an den Spieltagen ein Herr Stefan Mickisch am
Flügel Einführungsvorträge zum Stück am Abend. Es sind, sagte
man mir, die „Festspiele für Kartenlose", die kommen in Scharen
je-
den Tag, und sie werden nicht enttäuscht. Da sitzt einer, der
sich auskennt, und er haut in die Tasten und erzählt beim Thema
Erotik (Tristan und Isolde!) sogar von Reich-Ranicki und Sigrid
Löffler, das muss man gehört haben! Er erklärt die einfachsten
Dinge. Tannhäuser, sagt er, der heißt so, weil er im Tann haust,
im Wald, nicht wahr, „des is ja eigentlich der Heinrich von
Ofterdingen, ein Minnesänger". Und er erklärt den Unterschied
zwischen der erotisch aufgeladenen Pariser und der gereinigten
Dresdner Fassung, die wir am Abend hören werden. Keine Kritik in
keiner Zeitung bringt den Menschen, die interessiert sind, aber
nicht alles in ihrem Leben lernen durften und konnten,
komplizierte Zusammenhänge so einfach nahe.
Wer nach Mickischs Vortrag in einer Wagner-Oper sitzt, erkennt
jedes Motiv, begreift Zusammenhänge, kann den ersten vorn
zweiten Pilgerchor unterscheiden und lernt nach so manches
nebenbei: dass G-Dur die Tonart der Unschuld ist, B-Dur die
Glaubenstonart, As-Dur steht für Liebesträume, C-Dur fürs Klare
und Es-Dur wird feierlichen Urmythen zugeordnet, und Herr
Mickisch prescht von Wagner zu Brahms, Bach, Haydn, Bruckner, um
das alles zu beweisen, und es macht Spaß. Da ist mir die Kultur
näher als bei dem Intellektuellen mit hochgezogenen Augenbrauen,
der mich geistesverwandt wähnt und mir verschwörerisch zuraunt:
„Was hier auf der Bühne passiert, ist ganz, ganz groß. Das ist
absolut beachtlich." Ja doch. |