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Selbst auf die
Gefahr hin, als "Hofberichterstatter" in Sachen Stefan Mickisch
angesehen zu werden, habe ich doch die Aufgabe, die beiden
neuesten Produktionen aus dem Hause Fafnerphon in den
Mitteilungen vorzustellen, sehr gern übernommen. Schon einige
Maie ist an dieser Stelle über verschiedene Einführungsvorträge
des Künstlers berichtet worden (zuletzt Nr. 53, S.13), so daß
Grundlegendes über seine besonderen Qualitäten kaum noch gesagt
werden muß: Das außerordentlich einfühlsame und virtuose
Klavierspiel, die hochinformativen und dabei im besten Sinne
unterhaltsamen Kommentare zu den musikalischen und historischen
Hintergründen sowie schließlich die phänomenale Fähigkeit
Mickischs, durch scheinbar spielerisch herbeigeführte Wechsel
der Sprachebene, der inhaltlichen Bezugspunkte oder auch der„
Lehr"-Methode das Publikum dauerhaft in den Bann zu ziehen. AIl
dies zeichnet auch seine Einführungen zu den Feen und zu
Lohengrin aus, die nun - in technisch ausgezeichneten
Live-Mitschnitten aus Würzburg bzw. Wien - vorliegen.
Aufschlussreich für Stefan Mickischs echtes Interesse am Thema
Richard Wagner ist die Tatsache, daß er die selten gespielten
Feen genauso liebevoll und detailliert erarbeitet wie den
Kassenschlager Lohengrin. Das Jugendwerk stellt sich dabei als
qualitativ sehr viel besser heraus, als oft behauptet - zumeist
von Lauten, die es gar nicht kennen. Wiederum eindringlich und
überaus hörenswert der geschlossene Vortrag längerer Abschnitte,
durchaus nicht nur der jeweiligen Opern: Vergleiche mit Carl
Maria von Weber oder auch Frédéric Chopin erweisen sich - im
Falle der Feen - als sehr hilfreich für das musikalische
Verständnis. Überhaupt muß davon ausgegangen werden, dass die
große Beliebtheit der Einführungen Stefan Mickischs zu einem
guten Teil darauf zurückzuführen ist, daß hier einmal von dem
Text und der Musik des Autoren die Rede ist und nicht von
gesellschaftlicher Relevanz, augenfälligen Analogien zur
Jetztzeit oder der insbesondere bei Wagner angeblich schwer
erträglichen Redundanz von Text, Musik und Bühnengeschehen, der
durch Erfindung von Parallelhandlungen seitens dar Regie
dringend abzuhelfen ist.
Zunehmend breiten Raum in den Ausführungen Stefan Mickischs
nehmen die Tonartencharaktere ein. Die Bezugnahmen ihrer
Bedeutungen zu ganzen Sternzeichen oder auch einzelnen Planeten
kann man mehr oder weniger nachvollziehen, gutheißen oder auch
gedanklich ausblenden - hilfreich sind die Zusammenhänge der
Tonart mit der jeweiligen Handlung, aber auch mit vergleichbaren
Situationen oder auch charakterlich ähnlichen Werken anderer
Komponisten allemal. Hier wird, was das Verständnis von Musik
generell angeht, echte Pionierarbeit geleistet, und wenn
Mickisch selbst angibt, im Erschließen dieses Verstehens eine
seiner Hauptaufgaben zu sahen, so kann man ihm dafür nur dankbar
sein. Eine Ursache für die nachgerade unfaßliche Kritiklosigkeit
großer Teile des Publikums den Bühnen-Verballhornungen des
gängigen Opern-Betriebs gegenüber ist gewiß auch dann zu sehen,
daß die Intentionen der Richter und Komponisten schlicht gar
nicht mehr bekannt sind (und von Seiten der Theater wird -
verständlicherweise - natürlich auch nichts gegen diese
Unwissenheit getan). So kann die "Sammlung der Reiterscharen" im
dritten Akt das Lohengrin nur von demjenigen als „Lärm"
mißverstanden (und deswegen gestrichen) werden, der keine Ahnung
von Musik hat. Ein Publikum, das die Farbigkeit dar Musik durch
den Einsatz verschiedener Tonarten, die die Buntheit der Scharen
unterschiedlichster Herkunft schildern, versteht und weiß, daß
die durchge-
hende Sechzehntelbewegung das rasche Trappeln vieler Pferde
bedeutet, wird sich eine solche Reduktion nicht gefallen lassen.
Wie effektvoll und großartig gerade diese musikalische Passage
aus Wagners romantischer Oper ist, führt Mickisch denn auch
gleich in einer brillanten Klavierparaphrase vor, in der seine
herausragenden pianistischen Fähigkeiten schön zur Geltung
kommen.
Besonders praktisch ist, daß durch die Einteilung in einzelne
Tracks das bequeme Aufsuchen ganz bestimmter Stallen leicht
möglich ist. Die Lebendigkeit des Live-Vortrags, auch
atmosphärisch durch die Publikumsreaktionen unterstützt, ist
sehr angenehm und verleiht dem Ganzen eine unakademische
Dynamik. Die Einführungen Stefan Mickischs haben mittlerweile
einen von möglichen Bühnenrealisierungen der jeweiligen Werke
völlig unabhängigen Eigenwert und können, ja müssen nach wie vor
jedem Wagner-Freund dringend empfohlen werden.
Reinhard Schäfertöns
Stefan Mickisch spielt und erklärt Richard Wagners „Die Feen"
Einführungsvortrag vom 29. 1. 2005 im Mainfrankentheater
Würzburg (Live-Mitschnitt)
Fafnerphon 2006 (Best.-Nr.: FAF 261)
Stefan Mickisch spielt und erklärt Richard Wagners „Lohengrin"
Konzertanter Einführungsvortrag, Theater an der Wien
(Live-Mitschnitt 5. 3. 2006)
Fafnerphon 2006 (Best.-Nr.: FAF 267)
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