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 Alexander Dick, NBK vom Dienstag, 28.November 2000

Meister und Metronom

Von innen heraus gehört: Stefan Mickisch über Jean Paul und Robert Schumann

Bayreuth

Von Alexander Dick

„Man müsste Musik von innen heraus hören." Nicht nur in diesem Satz spricht Jean Paul aus Robert Schumann. Es ist in der Tat merkwürdig, dass Musikwissenschaftler wie Interpreten der Seelenverwandtschaft des großen Dichters und des großen Komponisten oft nur zögerlich ihre Aufmerksamkeit geschenkt haben. Dass sie sich durch Schumanns taktische Abkehr von der Programmatik von den Parallelen Schumannscher zu Jean-Paulscher Ästhetik ablenken ließen. Oder von den bereits von Schumanns Gattin Clara initiierten Verfälschungen in der musikalischen Interpretation.

Manfred Eger hat schon vor Jahren auf die Missverständnisse bei Deutung und Wiedergabe in den frühen Klavierwerken Robert Schumanns hingewiesen. Stefan Mickisch hat sie konsequent aufgegriffen, weiterverfolgt und -entwickelt, um sie einem breiten Publikum mit den Mitteln des meisterlichen Pianisten zu plausibilisieren. Am frühen Sonntagabend jedenfalls war der Erfolg des vom Richard-Wagner-Verband veranstalteten Gesprächskonzerts im erfreulich gut besuchten Großen Haus der Stadthalle jedenfalls groß: Hier scheint eine Lücke im Kulturleben der Stadt des Füllens wert.

 

Wer wäre berufener dazu als Mickisch? Seine bewährte Praxis des für die Interpretation ganzer Stücke, serviert mit allgemein verständlichen, augenzwinkernden, wissenschaftliche Metasprache eher meidenden Kommentaren, verfehlt hier, wie bei seinen Wagner-Vorträgen, ihre Wirkung nicht. Da wird die Zeit in der Stadthalle ein bisschen zum Raum, und wohl niemand empfindet es als Zumutung, wenn die Ausführungen und Interpretationen um einiges länger dauern als angekündigt.

Mickisch vermittelt seinen Zuhörern auf diese Weise auch den theoretischen Überbau. Den Parallelen im Denken Jean Pauls und Schumanns gehen Parallelen in der Biographie voraus. Verblüffend auch die bei beiden zu konstatierenden schizophrenen Momente. Solche romantische Bipolarität findet in Schumanns Wesen ebenso ihren Niederschlag wie bei Jean Paul. Florestan, der Draufgängerische, und Eusebius, der Melancholische, sind nicht nur das jeweilige Alter Ego des Komponisten, sie bestimmen auch das Wesen seiner Musik. Und ihre Wurzeln finden sich in einem anderen romantischen Gegensatzpaar: Jean Pauls Zwillingsbrüdern Vult und Walt aus den „Flegeljahren".

Mickischs (und Egers) Deutung der Papillons op. 2 auf der Basis des Larven-Tanz-Kapitels hat etwas absolut Zwingendes, weil sie Schumanns eigene Deutung gegenüber dem Kritiker Ludwig Rellstab aufgreift: die Papillons ­Schmetterlinge - als „Entpuppung", wie Mickisch es treffend formuliert. Der Weg von der inhaltlichen Interpretation zur Tempofrage ist nur ein kleiner. Auch hier weisen Eger und Mickisch auf die eklatanten Abweichungen in vielen Interpretationen zu den Metronomvorgaben Robert Schumanns hin: Die Initialzündung hierzu kam von Schumanns Gattin Clara bekanntlich selbst. Mickischs Bonmot von der „nach oben offenen Walzerskala", die auf die zumeist deutlich zu schnelle Interpretation des ersten Walzerthemas in den Papillons gemünzt ist, trifft den Kern. Zur Frage nach den Ursachen ließe sich aus Rezensentensicht die Entwicklung des Walzers vom beschaulichen Biedermeier-Tanz zum mehr und mehr fordernden „Geschwindwalzer" ab der Mitte des 19. Jahrhunderts ins Feld werfen. Dessen Dominanz könnte die meisten Interpreten - Clara Schumann eingeschlossen - zu einer schnelleren Interpretation bewogen haben.

Mickischs Verweise auf musikalische, stilistische Zusammenhänge runden die Vorträge im Übrigen bestens ab, Schuberts cis-Moll-Walzer aus den Zwölf Walzern D 145 oder Webers Aufforderung zum Tanz stecken den Rahmen zum musikalischen Umfeld der Papillons ab. Die verblüffendste Hörerfahrung des Abends freilich gilt einem anderen Stück: der Träumerei aus den Kinderszenen. Dass deren Tempo oft bis über die Hälfte verzögert wird, dürfte in der Tat eines der am schwersten wiegenden Missverständnisse der Schumann-Rezeption sein. Stefan Mickisch spielt sie knapp unter der Schumannschen Tempovorgabe und mit aller gebotenen Agogik. Es ist dies eine völlig andere Miniatur, die sich da dem Zuhörer offenbart. Sind's „Freudentränen der Seele", wie Schumann im Jean-Paulschen Sinne Töne definiert hat? Wohl weit mehr als in den künstlich zerdehnten Fassungen. Als Meister der Interpretation lässt Mickisch solche Freudentränen auch in seinen Wiedergaben des Eröffnungssatzes der C-Dur-Fantasie mit ihren deutlich autobiographischen Zügen und natürlich auch in den Papillons perlen. Und hiermit - wie in seinem gesamten Vortrag - befindet sich Mickisch im Übrigen auch ganz auf Jean-Paulscher Wellenlänge. Wie dieser in seiner Vorrede zur Vorschule der Ästhetik wendet sich auch Mickisch mit seiner ganzheitlichen Betrachtungsweise gegen „abgerissene Kunsturteile". In seinem „reich gestirnten Himmel" scheint die Einteilung der Gestirne ganz und gar nicht beliebig. Jean Paul hätt's gefreut und Robert Schumann ebenso.

 

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