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Wagnis Wagner

 

Der Pianist Stefan Mickisch schmiedet den "Ring"

 

Dr. Joachim Reiber zum Klavierabend mit Stefan Mickisch am Dienstag, 22. Oktober 2002 im Wiener Musikverein, Brahmssaal

 

Die ganze Fülle von Wagners Musik mit Händen zu greifen, die ganze Weite seines musikalischen Kosmos mit nur zehn Fingern zu umspannen - das ist seit Wagners Zeiten eine besondere Verlockung für Pianisten. Von Franz Liszt bis Glenn Gould haben sich Grenzgänger der Klavierkunst immer wieder auf das Wagnis Wagner eingelassen. Wohl keiner aber hat die Herausforderung so konsequent angenommen wie der aus Bayern stammende Pianist Stefan Mickisch. Der vielfache Preisträger nationaler und internationaler Wettbewerbe, der zunächst eine reguläre Konzertkarriere begann, hat sich vor Jahren auf den Bayreuther Meister eingeschworen und steht nun - wie die "Süddeutsche Zeitung" bestätigt - mit seinen tiefgründigen wie farbenreichen Klaviertranskriptionen Wagnerscher Werke "konkurrenzlos" da.

 

Wie Loge "im Sturm alle Winkel der Welt" durcheilt, so reist auch Mickisch mit seinen funkensprühenden Wagner-Programmen rund um den Globus. Zu Hause aber ist er - wie könnte es anders sein - in Bayreuth. Und hier, am Fuße des Grünen Hügels und nur wenige Schritte von der Villa Wahnfried entfernt, sitzt er in der Festspielzeit jeden Tag am Flügel, exakt neunzig Minuten, von 10.30 Uhr bis 12. Das ist - Bayreuth-Besucher wissen es - der traditionelle Termin der "Einführungsvorträge". Mickisch hat sie 1998 übernommen, und obwohl sie immer noch "Einführungsvorträge" heißen, ist längst mehr und anderes daraus geworden: ein Festival sui generis oder (wie es Manfred Eger, der einstige Direktor des Richard-Wagner-Museums so treffend formuliert): "die Festspiele für die Kartenlosen". 

 

Prisen à la Polt 

Man kommt nicht bloß zu Mickisch, um sich vorbereiten, einführen, einstimmen zu lassen, sondern um Wagner zu erleben. Mickisch spielt, und er spricht, beides greift ineinander und beflügelt sich wechselseitig: zum sprechenden Spiel, zum spielerischen Sprechen. In seinen Kommentaren findet sich nicht die Spur von salbadernder Wagner-Exegese, kein Hauch von wonnigen Wort- und Weihrauchschwaden. Mickisch liebt die Glosse, das scharf zugespitzte Aperçu. Und nicht selten putzt er - wie Gerhard Polt, sein Landsmann - den Kopf mit einer scharfen Prise frei. So entschlackt er die Ganglien und öffnet das Ohr. Selbst eingefleischte Wagnerianer lernen da, den Meister neu zu hören.

 

In seinen "Einführungsvorträgen" spricht Stefan Mickisch nicht über die Musik, sondern - und auch das macht ihn "konkurrenzlos" - aus der Musik und in der Musik. Die "Semantik der Wagnerschen Klänge", sagt er selbst, interessiere ihn vor allem. Doch diese Semantik erschließt sich nur dem, der die Sprache in ihrer Gesamtheit erfassen und so all ihre Bedeutungsnuancen kennen lernt. Für Mickisch selbst ist das ein ständiger Erkundungsprozeß. So sitzt er auch in der kräfteraubenden Festspielzeit oft bis tief in die Nacht am Klavier und durchstreift Wagners Welt, immer auf der Suche nach unentdeckten Querverbindungen, stets neugierig auf Durchgänge zu ganz anderen Bereichen des musikalischen Repertoires. 

 

Semantik der Klänge

Wenn er dann am nächsten Morgen vor sein Publikum tritt, seine mit Klebezetteln gespickte Partitur aufschlägt und zu spielen anfängt, werden auch die Zuhörer auf eine spannende Klangreise mitgenommen. Dann entdecken sie, von Mickisch kundig geleitet, daß Fafner, Hagen und Ortrud, die dunklen Gestalten der Wagner-Dramen, in ein und derselben tonalen Nische hausen, oder hören, pianistisch brillant in Szene gesetzt, das "Meistersinger"-Vorspiel, gespiegelt mit Bachs Erster Orchestersuite, als stammten beide aus einem Guß ... Solche Zusammenhänge aufzuspüren macht Mickisch selbst "die größte Freude". Doch geht es dabei nicht bloß um Spaß und Spiel, sondern um das Verständnis der Sprache: das Aufdecken versteckter grammatischer Strukturen, die Einsicht in das vielschichtige Beziehungsgeflecht innermusikalischer Bedeutungen - eben das, was Mickisch die "Semantik der Klänge" nennt. So spricht Mickisch sein Publikum doppelt an. Er hat etwas zu sagen, weil er aus dem Innersten der Musik schöpft. Die Musik aber schließt sich ihm auf, weil er sie auf ihren Sinn belauscht. "Der Orchesterklang Wagners lebt immer vom Geist und von Philosophie", sagt Stefan Mickisch. "Und so ist die Semantik der Wagnerschen Klänge keine rein musikalische - mich hat immer interessiert, was über die Musik ausgedrückt wird, die Frage also: Was bedeuten diese Klänge?" 

 

Klangrede statt Klangwogen

In diesem Ansatz liegt auch der Grund für die besondere Qualität seiner Transkriptionen. Denn das waghalsige Unternehmen, Wagners Klangkosmos aufs Klavier zu übertragen, braucht nicht bloß die richtige Hand fürs pianistisch heikle Tüftelwerk. Sie braucht auch (und vor allem) den Geist, das Wesentliche zu erfassen oder anders: aus den Klangwogen die Klangrede herauszuhören.

 

"Das Ziel meiner Transkriptionen", so Stefan Mickisch, "ist einerseits, Wagners Orchesterklang zu ersetzen, andererseits, ihn zu verdeutlichen." Damit verfolgt er einen dezidiert anderen Ansatz als Franz Liszt, der Ahnherr der Klavierparaphrasen. "Liszts Bestreben war es, sich selbst vor Wagner zu präsentieren, ich aber möchte Wagner selbst zeigen." 

 

Ring frei

Mickisch sucht also den denkbar klarsten Gegensatz zum effekthascherischen "Virtuosengeklingel", mit dem Wagners Musik auf das Kleinformat brillanter Salonpiecen reduziert wurde. Und die Erfahrungen, die er in mittlerweile acht Jahren intensiver Beschäftigung mit Wagner gemacht hat, bestätigen diesen Weg. "Es lassen sich Dinge aufs Klavier umsetzen, die man bislang nicht für möglich gehalten hat. Und man braucht dazu weder pianistische Zutaten (wie Oktav-Verdoppelungen oder eingefügte Terzen), noch ist es notwendig, im Hinblick auf die Dauer der Musik große Kompromisse einzugehen. Wo ich früher selbst gedacht habe: ,Das wird zu lang, da mach' ich einen Sprung', da merke ich heute: Man kann diese Musik einfach spielen, und das Publikum geht mit ..."

 

Mit seinen Klavierarbeiten, sagt Mickisch, sei er "immer noch auf dem Weg". Klar aber ist, daß dieser Weg sich in den letzten Jahren noch stärker auf das Original zubewegt hat. So dominiert derzeit die "Transkription" vor der "Paraphrase" (die das thematische Material in freierer Art zusammenfügt) und der "Phantasie" - Formen, mit denen sich Mickisch ebenfalls eingehend und erfolgreich beschäftigt hat. "Mime und der Wanderer", eine "Ring"-Phantasie, hat er beispielsweise auf Wagners eigenem Flügel für die Schallplatte eingespielt.

 

In Wien stellt er nun ein ganz neues "Ring"-Programm vor: einen reinen Klavierabend, basierend auf Transkriptionen der Finali. Donners Hammerschlag gibt an diesem Abend den "Ring" frei - und so schreiten die Götter nach Walhall, gibt Wotan Brünnhilde den Abschied, umlodern Mime den Felsen, den Siegfried schließlich erklimmt ... Im zweiten Teil folgen vierzig Minuten Musik aus dem letzten Aufzug der Götterdämmerung. Ein gewaltiges Unterfangen also: Wagners Tetralogie für zwei Hände an einem Abend. 

 

Heraus aus dem Urtext-Käfig 

Das Wagner-Konzert am 22. Oktober ist Stefan Mickischs erster Auftritt bei der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Gleichwohl ist er in Wien kein Unbekannter, einige Jahre hat er hier studiert. Leonid Brumberg war es, der ihm in Wien wichtige Anregungen auf den Weg gab - "eine markante, kompetente, großartige Persönlichkeit, an der man sich auch entsprechend reiben konnte", sagt Mickisch über seinen Lehrer. Bei Brumberg war auch zu lernen, daß ein Interpret sich Freiheiten nehmen darf und muß, um dem Werk zu dienen. "Werktreue" in diesem Sinn hat auch für Stefan Mickisch nichts mit dem "Urtext-Käfig zu tun, in dem manche medioker vor sich hindümpeln. Man muß die eigene Schöpferkraft voll entwickeln, um mit den großen Schöpfungen entsprechend umgehen zu können."

 

Nach diesem Prinzip nimmt sich Stefan Mickisch die Freiheit, Wagner auf dem Klavier zu spielen. Um Wagner gerecht zu werden, braucht man, wie er findet, nicht unbedingt ein 120-Mann-Orchester. "Man kann Wagners Klang mit dem Orchester verfehlen", sagt er mit Lust am scheinbar Paradoxen, "aber es ist möglich, ihn mit dem Klavier zu treffen."

 

Dr. Joachim Reiber

 

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