Sehr verehrtes Publikum, liebe Hörerinnen und Hörer,

 

es ist bekannt, daß der Begriff „Leitmotive“ für die wiederkehrenden Grundmotive und Themen in Richard Wagners Werken nicht von Wagner selbst stammt (er bezeichnete diese eher als „Gefühlswegweiser“), sich aber durchgesetzt hat. Wagner hat nicht widersprochen, als Hans von Wolzogen kurz vor Beginn der Bayreuther Festspiele von 1876 seine Schrift „Thematischer Leitfaden durch die Musik zu Richard Wagners Festspiel Der Ring des Nibelungen“ herausgab (inklusive eines aufgrund der großen Nachfrage bereits nach wenigen Wochen folgenden Nachdrucks ). 

 

Der Begriff „Leitmotiv“ wurde also von Wagner legitimiert. Es spielt auch keine Rolle, welche Benennung man diesen motivischen Gebilden nun gibt, Grundthemen, Grundbausteine, Grundmotive, Leitmotive, Urmotive u.a.m., sondern es kommt darauf an, ihre Bedeutung für das symphonische Gewebe des Ganzen zu erfassen. Vorliegende erläuternde Einspielung sämtlicher von mir eruierter Leitmotive im „Ring des Nibelungen“ ist das Ergebnis einer vieler Jahre  währenden künstlerischen, pianistischen und geistig-literarischen Auseinandersetzung mit der Tetralogie. Einschlägige Literatur, die es seit den Uraufführungen der „Ring“-Opern zu diesem Themenkomplex gibt, im deutschen und im anglo-amerikanischen Sprachraum (wo ich viele Konzerte gab), habe ich über Jahre hinweg studiert. Eine entsprechende Bücher- bzw. Literaturliste fügte ich dem booklet bei, ebenso die Auflistung aller 261 Leitmotive in einem separaten Beiheft. Ich bin überzeugt, mit der Kombination aller maßgebenden musikwissenschaftlichen Literatur zu diesem Themenkomplex plus der gleichzeitigen akustischen, inhaltlichen und psychologischen Darstellung Wesentliches zum Verständnis der Wagnerschen Leitmotivtechnik und deren Anwendung beizutragen.

 

Zwei Gründe hatten mich bisher davon abgehalten, zur Thematik „Leitmotive“ bei Richard Wagner eine Untersuchung zu veröffentlichen: erstens die ungeheure Komplexität des Unternehmens, zweitens die „Anrüchigkeit“ des Themas bei Teilen der Musikwissenschaft. Seit Anbeginn hatten Wagners Werke, insbesondere seine Arbeit mit den den Sinn des Dramas verklanglichenden Grundthemen, die – gleich oder abgewandelt – immer wiederkehren, Gegnerschaft auf den Plan gerufen, von Hanslick und Nietzsche bis zu Strawinski und Adorno. Die Gegenargumente gegen die neue Kompositionstechnik Wagners mußten ernst genommen, geprüft und integriert werden. 

 

Die ausführlichsten „Ring“ – Führer seit Wolzogen kamen auf etwa 90 - 120 Leitmotive für die gesamte Tetralogie. Dabei „fehlen“ aber noch etliche Motive, wenn man es genau nehmen will, und es gibt zahlreiche Ungenauigkeiten und meines Erachtens manche Fehlbenennungen. Hier „für Ordnung zu sorgen“, quasi eine lang fällige Klarheit und komplette Darstellung aller Motive und ihrer Bezüge untereinander zu schaffen, war meine Absicht. Eine Absicht, die meinem Lebensmotto entspricht: entweder etwas richtig und gründlich zu machen, oder gar nicht.

 

Entsprechende Anfragen und Wünsche nach einer solchen Arbeit wurden bereits 1998, dem ersten Jahr meiner Bayreuther Tätigkeit, an mich herangetragen. Immer schon war ich auf dieses Thema gleichsam „vorbereitet“ und wartete auf den letzten Anstoß. Diesen gab Ursula Magnes, Musikchefin von Wiens Klassiksender „Radio Stephansdom“, die meine Arbeit in Wien und Bayreuth seit vielen Jahren begleitet. Im Januar 2013 kam sie mit Tontechniker Martin Macheiner in mein Haus in Schwandorf, wo wir an drei Tagen die vorliegenden neun CDs an meinem Steinway – D Flügel aufnahmen, die als Wagner Ring Journal in „Radio Stephansdom“ mit größtem Erfolg von Februar bis Mai 2013 ausgestrahlt wurden.

 

Das Medium der CD (genau so wie ein Live-Vortrags-Konzert) ist ideal dafür geeignet, „angewandte Musikwissenschaft“ zu treiben. Die Möglichkeit, sowohl wahlweise einzelne oder mehrere Stimmen, Akkordverbindungen im Vertikalen oder im Horizontalen, kurze oder längere Abschnitte ganz oder teilweise am Flügel zu spielen und gleichzeitig zu erläutern, ist in ihrer Anschaulichkeit quasi „unschlagbar“ und jedem Schrifttum, gesprochenem Vortrag oder Vortrag mit statischen Orchester-Klangbeispielen überlegen. Deswegen konnte ich das Unternehmen wagen. 

 

Bei der Frage, mit welchem Werk ich meine Untersuchungen und Erläuterungen zur „Leitmotivtechnik“, die sich im Laufe der nächsten Jahre auf alle 13 Bühnenwerke Wagners ausdehnen sollen, beginnen wolle, entschied ich mich für den „Ring des Nibelungen“, weil es das längste, schwierigste und komplizierteste Werk Wagners ist. Dies tat ich gemäß einem alten Motto von Aristoteles: „Hast du mehrere Aufgaben vor dir, so unternimm zuerst die schwerste, dann die leichteren“.

 

Für meine „Ring“ - Edition ergaben sich neun CDs:

CD 1 Allgemeine Einführung


CD 2 Das Rheingold 1. Teil


CD 3 Das Rheingold 2. Teil


CD 4 Die Walküre 1. Teil


CD 5 Die Walküre 2. Teil


CD 6 Siegfried 1. Teil


CD 7 Siegfried 2. Teil


CD 8 Götterdämmerung 1. Teil


CD 9 Götterdämmerung 2. Teil

 

Ich habe alle 261 Leitmotive im „Ring“, beginnend mit den Achsen „Zeit“ und „Raum“ im Rheingold (Motive 1 und 2) bis zum Motiv Nr. 261 „Zukunftsgewißheit“ am Schluß der Götterdämmerung, der Reihe ihres Erscheinens nach gespielt und erläutert. Dabei ging ich systematisch und genau vor. Die Notenbeispiele sind nummeriert im eigenen, zweiten Booklet aufgeführt und ermöglichen den musikwissenschaftlichen Nachvollzug.

 

Bei der musikalisch-pianistischen Wiedergabe achtete ich nicht auf absolute Perfektion (dafür kann ich meine Doppel-CD „Die Ring-Finali“ empfehlen), sondern gab musikwissenschaftlicher Durchdringung den Vorrang. 

 

Man kann vorliegende CD-Edition ganz unbefangen genießen und wird damit das Werk äußerst gut kennenlernen, oder sich als bereits geübter „Ring“-Hörer des Gewußten versichern und Neuentdeckungen machen. Möchte man es noch genauer nehmen, wird man sich Partitur, Klavierauszug (ideal) oder Textbücher besorgen und mitlesen. Aber auch wenn man nur diese CDs hört und dazu das Beiheft (inklusive Angaben wichtiger Quellen für eine wirkliche Werkkenntnis) mit den Notenbeispielen mitliest, wird man keine Chance mehr haben, Wagners Ring NICHT zu verstehen. 

 

Grundlagen der musikalischen und geistigen Durchdringung von Richard Wagners Werk, insbesondere des „Nibelungenrings“, sind:

 

Partituren und Klavierauszüge – Bücher und Schriften von Richard Wagner – Die Briefwechsel Wagners – Bücher zu Richard Wagner im Allgemeinen – Geschichte und Mythologie der Germanen – Fachspezifische musikwissenschaftliche Wagnerliteratur, bezogen auf den „Ring des Nibelungen“ incl. der jeweiligen Motivanzahl.

 

Eine ausführlichere, tiefgreifendere Analyse des „Rings“ in motivisch-musikalischer und damit auch inhaltlich-semantischer Hinsicht ist bisher noch nicht unternommen worden. Hiermit mag ein neuer Maßstab vorliegen, der sowohl der Komplexität Wagners als auch dem geistigen Gehalt des „Rings“ entspricht.

 

Nun wünsche ich Ihnen viel Freude und Erkenntnis!


 

Ihr Stefan Mickisch 

 

Hier finden Sie weitere Informationen zu meiner Ring-Edition Alle 261 Leitmotive. Bestellmöglichkeiten finden Sie unter dem Menüpunkt "CDS".