Mensch und Künstler - Stefan Mickisch

Der sensationelle Durchbruch zum großen internationalen Erfolg kam in Bayreuth, wo Stefan Mickisch im Jahre 1998 seine Einführungsmatineen zu Wagners Opern begann. Das rasch wachsende Publikum, das bald zu einer treuen Fangemeinde wurde, war begeistert. Und das wiederholte sich bald in vielen Städten in und außerhalb Europas.

Schon zuvor war Stefan Mickisch als Konzertpianist bekannt und geschätzt. In seiner Heimat, der bayerischen Oberpfalz, wurde seine außerordentliche musikalische Begabung schon früh gefördert. Er lernte beim Vater Klavier und Improvisation, spielte als Geiger in Kammermusik- und Orchesterformationen. Seine sorgfältige weitere Ausbildung erfolgte in Nürnberg, Hannover und Wien. Als mehrfach preisgekrönter Pianist gab er Konzerte in aller Welt und begleitete große Sänger am Klavier. In der Folge spezialisierte er sich auf die Musik Richard Wagners, die ihn schließlich zu den Bayreuther Festspielen führte.

Der große Erfolg seiner Gesprächskonzerte ist auf das glückliche Zusammentreffen mehrerer Faktoren zurückzuführen:
Stefan Mickisch ist nicht nur ein hervorragender Konzertpianist mit außergewöhnlichem Einfühlungsvermögen und großer Erfahrung, es gelingt ihm auch, dank prächtiger Klangfarben und seltenem Nuancenreichtum des Anschlags ein großes Orchester voll und ganz zu ersetzen. Seine immense Gedächtniskapazität und das absolute Gehör erlauben ihm zudem eine auswendig abrufbare Repertoirebreite von erstaunlichen Ausmaßen von Bach bis Richard Strauss.

Er verfügt über umfassende Kenntnisse auf dem Gebiet der Musikwissenschaft, der Musikliteratur und der Musikgeschichte. Dabei kommt ihm die besondere Fähigkeit zugute, Zusammenhänge durch umfassendes Detailwissen, aber auch intuitiv zu erfassen und verständlich zu machen.

Seine Gesprächskonzerte werden durch eine bewundernswerte Didaktik, Eloquenz und einen ebenso geistreichen wie bodenständigen Humor zu einem köstlichen Erlebnis.

Das entscheidende Element des nachhaltigen Triumphes der Gesprächs- und der Klavierkonzerte liegt in der besonderen Persönlichkeit des Künstlers. Stefan Mickisch ist nicht nur ein überaus kreativer Musiker - das zeigen seine eindrucksvollen Transkriptionen und Fantasien auf dem Flügel – sondern besticht bei jedem Vortrag aufs Neue durch seine geistige Wachheit und für Überraschungen sorgende Entertainer-Qualitäten.

Stefan Mickisch ist ein unabhängiger Geist, der sich jeder Fremdbestimmung entzieht. Dogmatisches Denken liegt ihm fern. Sein Weltbild ist ein ständiger Prozess des Suchens und Findens. Er folgt der Aufforderung Goethes: "Willst du ins Unendliche schreiten, geh nur im Endlichen nach allen Seiten." So forscht er nicht nur in seinem Fach Musik, sondern auch auf den Gebieten Philosophie, Religionswissenschaft, Geschichte, Mythologie- und Sprachwissenschaft, Anthroposophie, Philologie, Physik, Astronomie und auch in Grenzbereichen wie Astrologie. Seine daraus gewonnenen Erkenntnisse bereichern seine Vorträge ganz entscheidend. Das ist zum Beispiel bei der Verbindung der Tonarten mit den Tierkreiszeichen und den Tageszeiten der Fall.

Da Stefan Mickisch nicht statisch denkt, gestaltet er seine Einführungen zu demselben Werk immer neu. Aber auch der Kreis der genialen Komponisten, mit denen sich Stefan Mickisch eingehend auseinandersetzt, wird immer größer: ausgehend von Wagners 13 Opern, zu Beethoven, Mozart, Rossini, d’Albert, Offenbach, Schumann, Puccini, Richard Strauss, u. a. Stefan Mickisch beschränkt sich nicht auf das, was messbar ist oder messbar gemacht werden kann. Wenn er  aber die Grenzen des allgemein akzeptierten Wissens überschreitet, so sieht er dies lediglich als Angebot an die Zuhörer, sich darüber ihre eigenen Gedanken zu machen. Er sagt nicht, dass es so ist, sondern dass es so sein könnte.

Die Fülle dessen, was er dadurch vermittelt, geht weit über die Oper oder das Konzert des jeweiligen Vortrags hinaus. Der Zuhörerschaft werden völlig neue Zugänge zur Musik eröffnet - bereichernd und beglückend zugleich.  

Dr. Fridolin Koch, Wien, 2013