Text von Stefan Mickisch, 2016

Erich Wolfgang Korngold 

Sehr verehrtes Publikum, liebe Hörerinnen und Hörer,

 

Erich Wolfgang Korngold (29. Mai 1897 bis 29. November 1957) ist in der Musikwelt der Gegenwart leider nicht so bekannt und wertgeschätzt, wie es ihm zustehen würde, und wie dies von etwa 1913 bis 1938 der Fall war. Um ihm im öffentlichen Bewusstsein der musikalisch Interessierten wieder zu einem Platz in der ersten Reihe der Komponisten zu verhelfen, steht Korngolds „DIE TOTE STADT“ im Mittelpunkt dieser umfangreichen CD-Einspielung.

 

Die Musik Korngolds kommt aus tiefster musikalischer Seele, ist von mitreißendem Schwung und besticht durch feinste Qualität. Herausragend sind die melodische Erfindungsgabe (derjenigen von Mozart und Richard Strauss nahezu ebenbürtig), die rhythmische Vielfalt und die reiche Handhabung der Harmonik.

 

Als Orchestrator und Meister der Instrumentierung durch die Anwendung sympho-nischer Farbmittel, kann Korngold neben Richard Strauss und Franz Schreker mit zu den Besten aller Tonsetzer der Musikgeschichte gezählt werden.

 

Korngold hat mit Franz Schreker – ein ebenfalls noch zu wenig beachteter Zeit-genosse – das Schicksal gemeinsam, wegen ihrer jüdischen Abstammung durch die Politik des „Dritten Reichs“ aus dem deutschsprachigen Kulturraum verdrängt worden zu sein. Die Werke beider Tonsetzer, die während der 1920er Jahre die Spielpläne deutscher Bühnen mitbestimmten und prägten, wurden ab 1933 „verboten“.

 

Schreker wurde als Rektor der Berliner Musikhochschule 1933 abgesetzt (er hatte seit seiner Berufung 1920 dort unglaublich viel Positives geleistet), wenig später entzog man ihm zudem auch seine Kompositions-Meisterklasse. Der bis dahin so erfolgreiche Opernkomponist („Der ferne Klang“, „Die Gezeichneten“, „Der Schatzgräber“ u.a.) litt so unter diesen Repressalien, daß er daraufhin 1934 an denFolgen eines Herzinfarktes starb.

 

Korngold hatte mehr Glück: in Wien blieb er lange von den Nazis unbehelligt, mußte aber 1938 (wie Sigmund Freud und viele andere) emigrieren. Die Gestapo besetzte das Haus des Komponisten in der Sternwartegasse 35 und der Familie hätte bei längerer Anwesenheit wohl ein schreckliches Schicksal gedroht.

 

In den USA konnte sich der aus dem mährischen Brünn (heute Tschechien) stam- mende und in Wien aufgewachsene E.W. Korngold als weltbekannter Filmkomponist (Hollywood) ab 1938 platzieren, gewann mehrere Oscars und blieb  finanziell abgesichert. Als er jedoch ab 1949/50 versuchte, seine Karriere in Deutschland und Österreich wieder aufzunehmen und fortzusetzen, gelang dies leider nicht.

 

Diese traurige Tatsache ist nicht nur der jahrelangen Verbannung Korngoldscher Werke durch die NS-Kulturpolitik von 1933 bis 1945 zuzuschreiben, sondern auch dem Umstand, daß die Musiksprache Korngolds nach dem Zweiten Weltkrieg im öffentlich-kulturellen Feld als „spätromantisch – tonal – veraltet“ galt.

 

Theodor Wiesengrund Adorno wirkte hier ungünstig (vgl. meine Ausführungen auf CD 1 und 6), indem er der Dodekaphonie und der „Atonalität“ Schönbergs, Bergs, Weberns und Nachfolger einseitig den „musikalischen Fortschritt“ zusprach. Es sei vermerkt, daß Adorno Kompositions-Schüler von Alban Berg war, selbst aber als - dodekaphonischer - Komponist scheiterte.

 

„DIE TOTE STADT“ ist ein absolutes Meisterwerk. Die 1920 in Hamburg und Köln gleichzeitig erfolgte Uraufführung war höchst erfolgreich und wurde hundertfach an Opernhäusern in aller Welt (inklusive der MET) gespielt.

 

Jedoch erlitten nicht nur dieses Stück, sondern auch alle anderen Werke des Ton- setzers den erwähnten Karrierebruch ab 1933, und das deutsche und österreichische Kulturleben brauchte nach dem Zweiten Weltkrieg lange Zeit, um sich des Schatzes der TOTEN STADT wieder mehr und mehr bewusst zu werden. Marcel Prawy ist es zu verdanken, daß – vor allem in Wien – die Erinnerung an Korngold erhalten blieb und nicht ganz versickerte. Ab etwa den 1990er Jahren setzte nach und nach eine weltweite Korngold-Renaissance ein, ebenso begann die Wieder- entdeckung der bedeutenden Werke Alexander Zemlinskys und Franz Schrekers.

 

Seit die Wiener Staatsoper dankenswerterweise im Jahre 2004 „DIE TOTE STADT“ wieder auf den Spielplan setzte (ich hatte das Vergnügen, eine der Aufführungen zu erleben), ist das Werk wieder im Weltrepertoire zurück.

 

Das Interesse an den Komponisten Korngold, Schreker und Zemlinsky möchte ich nachdrücklich unterstützen, nachdem es mir in den letzten Jahren gelungen ist, die Gesamtwerke von Richard Wagner und Richard Strauss von innen (die Musik) und von außen (die Musikwissenschaft und Philosophie) her aufzuschließen und zu beleuchten. Für Wagner und Strauss muß man nichts mehr tun, sie haben sich natürlich durchgesetzt. Für die ebenso wertvollen Komponisten des „Randreper-toires“ sollte man sich heute aber verstärkt einsetzen.

 

Mein Eintreten für Erich Wolfgang Korngold und Franz Schreker hat nicht zuletzt auch einen politischen Hintergrund. Es muß klar sein bzw. deutlich werden, daß Herkunft, Abstammung, Nationalität eines Komponisten vollkommen unwichtig sind, es zählt allein und ausschließlich die künstlerische und geistige Leistung. Deshalb war und ist es zutiefst unsinnig, Korngold – Schreker – Mahler – Schön- berg – Meyerbeer – Mendelssohn – Offenbach nicht zu beachten oder gar abzulehnen.

 

Anstatt zentrale, bereits bekannte Opern Mozarts, Wagners, Beethovens, Verdis und anderer per „Regietheater“ zu zerstören und einem billigen Zeitgeist auszuliefern (wie das an so vielen Bühnen und auch bei Festspielen geschieht), wäre es angebrachter, etwa den 100. Psalm Max Regers, die Oper „Irrelohe“ von Franz Schreker, oder Korngolds „Das Wunder der Heliane“ zu interpretieren.

 

„DIE TOTE STADT“ hat neben italienischen Elementen (Puccini), den berühmten Arien („Glück, das mir verblieb“, „Mein Sehnen, mein Wähnen“), Partien der französischen Grand Opéra (Meyerbeer) auch deutliche Spuren der Wagnerliebe und Wagnerkenntnis des Komponisten, etwa das überbordende, leidenschaftliche „tristaneske“ Finale des 2. Bildes. Darüber hinaus ergeben sich manche Ver- gleichbarkeiten mit Richard Strauss, weniger mit dem melancholischeren Franz Schreker. Im harmonischen Bereich kann Korngold hier Mahler, dort Berg, und wieder an einem anderen Ort Schönberg (die atonalen Stellen!!) ähneln. Aber das Faszinierendste bleibt, daß Korngold immer unverwechselbar Korngold ist, total eigenständig, unverkennbar in Klang und Er ndung. Er bildet in Harmonie und Rhythmus sogar zusätzlich noch eine Brücke zum Jazz, etwa zu Oscar Peterson.

 

Die Untersuchung der „Leitmotivik“ in „DIE TOTE STADT“ folgt meiner eigenen Arbeit über Wagners „Nibelungenring“. Es ist mir bewußt, daß die Gewichtung des Begriffes „Leitmotiv“ bei Korngold eine andere ist als bei Wagner oder Strauss.

 

Man könnte bei Korngold auch manchmal von „Motivpartikeln“ sprechen. Es gibt auch kürzere oder längere melodisch-harmonische Schraf erungen und Anrisse, wo Wagner längere, griffigere, breitere, meinethalben auch „markantere“ Themen führt.

 

Bei Korngold gibt es – im Gegensatz zu Wagner – immer wieder neue, noch nicht verwendete Musik zu fortlaufendem Inhalt, auch noch auf den letzten Partiturseiten seiner insgesamt fünf Opern. Er war durch die ihm innewohnende Inspirationsfülle verschwenderisch und brauchte niemals zu sparen, zu berechnen, zu kalkulieren.

 

Es besteht bei ihm Reichhaltigkeit und eine enorme Vielfalt aller Möglichkeiten. Die Verwendung bestimmter Themen und Motive in dieser Oper, die für bestimmte Sachverhalte stehen (persönlichkeitsbezogene, psychische oder dingliche), ist grö- ßer als bisher angenommen. Deshalb habe ich auf die Aufdeckung der Gesamtheit der wichtigen Themen und deren Bezüge untereinander besonderen Wert gelegt.

 

Daß „DIE TOTE STADT“ wesentlich mit Sigmund Freuds bahnbrechender „Psy- choanalyse“, überhaupt mit Freuds Arbeiten als Arzt und Wissenschaftler zu tun hat, ist ebenfalls erkannt worden, aber meiner Ansicht nach in noch viel zu geringem Ausmaß. Man könnte tatsächlich die 419 Seiten umfassende „Traumdeutung“ (1900) von Freud als Subtext dieses Werkes entdecken. Deshalb habe ich mich intensiv mit diesem und anderen Büchern Freuds befasst und auch in dieser Ein- spielung darüber referiert (vor allem auf CD 6).

 

Interessant ist, daß Sigmund Freud stets klarer Atheist war und blieb, während Korngold Sympathie - zumindest für das Zeremonielle der Katholischen Kirche - aufbrachte, was im Dritten Bild in „DIE TOTE STADT“ eine unglaublich prächtige Darstellung/Umsetzung erfährt. Beim „geistigen Duo“ Wagner - Nietzsche (wenn ich mich dieses parallelen Bildes bedienen darf) ist es ähnlich: der Literat und Philosoph wendet sich von allem Glauben radikal ab, der Musiker bleibt religiös (verhaftet?).

 

Diese Einspielung ist Erich Wolfgang Korngold und seiner hochbegabten, liebevollen und attraktiven Frau Luzi, geb. 1900 als Luise von Sonnenthal, gestorben am 29. Januar 1959, in memoriam gewidmet. Das Coverfoto zeigt Luzi Korngold.

 

Stefan Mickisch, 2016