Epikur
Epikur von Samos (341 – 270 v. Chr.) wurde für mich in den letzten Jahren der “Philosoph Nr. 1”, nachdem vorher Nietzsche und Schopenhauer abwechselnd diese “Position” inne hatten.
Die letzteren haben knallhart und stilistisch unübertrefflich argumentiert, Schopenhauer widerspruchsfrei in sich, die Welt als eine negative darstellend, Nietzsche widerspruchsvoll, also auf der einen Seite als Schopenhauerianer, auf der anderen als “Fürsprecher des Lebens”, “Überwinder”, “Übermensch”. Die Inanspruchnahme Nietzsches durch Teile der Nationalsozialisten läuft übrigens vollständig ins Leere, da Nietzsche Aussprüche tätigte wie “Germanen und andere Rüpel” (Antichrist), oder “Germanen und Schwerfüßler”, und alles andere als “deutschfreundlich” war. Hierin ist er Schopenhauer ähnlich, der ebenso markante supranationale Pointen setzte wie :”Jede Nation spottet über die andere, und jede hat Recht.”
Epikur ist ebenso über-national wie Schopenhauer und Nietzsche, aber im Gegensatz zu ihnen menschenfreundlich. Das macht seine - über Lukrez überlieferten - Aussagen angenehm und hilfreich, obwohl sie an Genauigkeit der Welt- und Menschenbeobachtung “keine Wünsche offen lassen”. Sehr gut beobachten kann man die Humanität Epikurs an der Behandlung des vermeintlich Transzendenten. Dogmatikern tritt er in den Weg, Religionen begegnet er mit Skepsis, den Tod sieht er nicht als Übel an, und möchte den Ansatzpunkt des menschlichen Fühlens und Denkens vom ”Himmel” auf die Erde verlegen. Die Wissenschaft hat Vorrang vor Spekulationen. Als Naturphilosoph wirkt Epikur bis heute, und die Forschungen über seine physikalischen Vorstellungen haben über Hegel, Marx und Husserl Zugang bis ins 21. Jahrhundert gefunden. (Karl Marx etwa verfasste 1841 eine der auch heute noch lesenswertesten Arbeiten über Epikur : “Die Differenz der demokritischen und epikuräischen Naturphilosophie”.)
Epikurs Meinungen bezüglich des Alls ließen mich im Physikalischen und Musikalischen noch die Meinung Heideggers einholen, daß nämlich der Mensch “noch nicht angefangen habe zu denken”, und daß, wünsche man zu denken zu beginnen, man an die Ursprünge des Denkens, also in die vorsokratische Philosophie, etwa 2500 Jahre zurücksehen müsse. Epikur, geistig (nicht physisch) ein “Vorsokratiker”, bestätigt meine in den letzten Jahren gewonnene Auffassung, daß jedwede Zukunft in der Vergangenheit liegt. Zukunft ist kein Fortschritt eo ipso, ebenfalls ist das “Neue” als solches nicht deswegen gut, weil es “neu” ist. Im Gegenteil. Sergiu Celibidache, ein Schüler Edmund Husserls, betonte stets, daß man als Musiker im Anfang eines Stückes das Ende, und im Schlußakkord den Beginn hören müsse, was zweifellos vollkommen richtig ist. Viele Musiker, vor allem Dirigenten, meinen, nur deswegen, weil sie ein Stück “begonnen” hätten, wären sie schon befugt, es abzuschließen. Auch kann ich mich in diesem Zusammenhang noch gut erinnern an die Toccata von Ravel aus “Le tombeau de Couperin”, die ich mit 17 Jahren studierte und spielte. Die 16 Anfangs-Sechzehntel im pp bestimmen den gesamten Stückverlauf, und man muß sie vor Beginn des ersten hörbaren Klanges schon viele Sekunden lang im Kopf voraus (von sich selbst, vor den Tasten sitzend) spielen hören, um erfolgreich beginnen, und - vor allem ! - das Stück erfolgreich durchziehen und abschließen zu können. Hier gilt wie in der Philosophie : Die Zukunft ist der Anfang, der Anfang muß vor dem Anfang schon begonnen werden, um überhaupt die “Erlaubnis” zu haben, anzufangen. Anders ausgedrückt : wer beginnt, ohne zu wissen, was begonnen wird, scheitert von vorneherein.
In den Sätzen und Überlieferungen Epikurs sehe ich keine Selbstwidersprüche wie bei Nietzsche, was keine Wertung darstellen soll. Bei Nietzsche wird der Selbstwiderspruch ein Ingredienz des Gesamtwerkes. Man darf sich bei der Lektüre nicht dadurch abschrecken oder “durcheinander bringen” lassen. Wenn beispielsweise eines seiner berühmtesten Zitate aus dem “Zarathustra” quotiert wird (“Wenn Du zum Weibe gehst, vergiss die Peitsche nicht!”), so ist damit nicht klar formuliert, wer die Peitsche“ einsetzt. Außerdem spricht diesen Satz im Buch das “Alte Weiblein”. Derlei Vieldeutigkeiten sind bei Nietzsche die Regel, bei Schopenhauer und Epikur sind Eindeutigkeit der Gedanken und der allgemeinen Weltsicht absolut vorherrschend. Schopenhauer wurde angesichts des Leidens in der Welt negativer Moralist, Nietzsche Immoralist, Epikur enthielt sich einer Wertung. So kann man ihn nicht anders denn als echten Humanisten bezeichnen.
Epikur zeigt, wie man sich mit den Menschen, von Schopenhauer verächtlich “Zweibeiner” genannt, so arrangieren kann, daß man ihnen zwar Wahrheiten, Weisheiten, “Erkenntnis-Härten” zumutet und ihnen die “Ammenmärchen des Götterglaubens” zerschlägt, aber durch Höflichkeit, Freundlichkeit, Heiterkeit Ermutigung zur Eigensteuerung des Lebens an die Hand gibt. Dadurch wird größtmögliche, unantastbare Freiheit erreicht (ataraxia). Die oft zu Passivität führende Meinung, es gäbe eine “Vorsehung”, gegen die man im positiven wie negativen machtlos wäre, erfährt Dispensierung zugunsten der Schwerpunktsetzung ins Ich.
Die Angst vor dem Tod und vor “Göttern” zu verabschieden, also auch die Angst vor einer “Hölle” oder einer niedrigeren, schwierigeren “Inkarnation” (vgl. Rudolf Steiners Gegenmeinung), erscheint mir gerade heute wieder zunehmend aktuell.
Epikur brachte auch Sigmund Freud “auf den Weg”. Freuds große Leistung ist - um ihn hier vorweg zu nehmen - , die Erkenntnis der Nichtvorhandenheit der “Erbsünde” zum Allgemeingut zu machen, das aus Jahrhunderten von Kirchen und Autoritäten gespeiste und obrigkeitshörige “Über-Ich”, das in jedem Menschen unangebrachte Schuldgefühle erzeugt, zu demissionieren. Daß die drei “Exklusivreligionen” (ein schöner Ausdruck von Karl Jaspers) das nicht wollen, ist klar, weil sie von Schuldgefühlen der Menschen leben und sich ideell und finanziell davon nähren. Insofern sind Epikur und Freud Geistesverwandte, da sie beide die menschliche Seele aus belastenden Verbindlichkeiten lösen, für die sie keine Verantwortung tragen. Epikur zieht auch - im Gegensatz zu Platon und Aristoteles - die Ethik aus einer “politischen Verantwortung” heraus.
Die Grundbotschaft in Epikurs Hauptwerk KYRIAI DOXAI lautet : sei nach allen Seiten hin offen und freundlich, gib deine höchsten Massstäbe aber niemals preis, lass dich von niemandem und von nichts “kaufen” oder beeindrucken, betreibe keine “Politik”, kaufe Dir lediglich einen kleinen Garten und lade ausgewählte Freunde ein.
Wichtige Bemerkungen Epikurs :
lathe biosas / Lebe im Verborgenen !
Die Aufgabe der Philosophie ist die Beseitigung der Störungen der Seelenruhe
Man soll nicht so tun, als ob man philosophiere, sondern wirklich philosophieren. Denn, was wir brauchen, ist nicht der Schein der Gesundheit, sondern wirkliche Gesundheit
Die Deutung darf nicht über der Wahrnehmung stehen
Jeder sehr heftige Schmerz dauert nur kurze Zeit, während der langandauernde Schmerz erträglich ist
Der Kosmos als Ganzes ist zustimmungsfähig
Falls man Götter als vollkommen bezeichnen wollte, wäre es ja gerade im Sinne ihrer Vollkommenheit, sie an einer Einflußnahme an der Welt nicht zu beteiligen
Ich habe gehört, daß dein Begehren besonders stark der Liebe zugeneigt ist. Wenn du dabei die Gesetze nicht verletzt, die Regeln des Anstands beachtest, deinem Körper keinen Schaden zufügst und die Grundlagen deiner Existenz nicht vergeudest, dann folge dieser Neigung nach deinem Gutdünken
SM : Sokrates war weit negativer, als ihn einer seiner Schüler fragte, ob er heiraten solle oder nicht : ”Was immer du tust, du wirst es bereuen!”
Das All ist unendlich, denn alles Begrenzte hat ein Äußerstes. Das Äußerste aber setzt immer etwas anderes neben ihm voraus, mit dem es verglichen wird (neben dem All aber gibt es nichts, was mit ihm verglichen werden könnte). Es hat also kein Äußerstes und demnach auch kein Ende, so muß es eben unendlich und nicht begrenzt sein. Und zwar muß diese Unbegrenztheit des Alls sich sowohl auf die Menge der Körper beziehen wie auf die Größe des leeren Raumes. Denn wäre der leere Raum unendlich, die Körper aber von endlicher Zahl, so würden die Körper nirgends zur Ruhe kommen, sondern zerstreut über den unendlichen Raum sich fortbewegen, da sie nichts finden, was ihnen Halt böte und durch den Aufprall sie zum Stillstand brächte. Und wäre andereseits der leere Raum begrenzt, so wäre für die unzähligen Körper kein Unterkommen vorhanden
Ich wüßte nicht, was ich mir überhaupt noch als ein Gut vorstellen kann, wenn ich mir die Lust am Essen und Trinken wegdenke, wenn ich die Liebesgenüsse verabschiede, und wenn ich nicht mehr meine Freude haben könnte am Anhören schöner Musik und dem Anschauen schöner Kunstgestaltungen
Man erhalte sich frei von mythologischem Geschwätz, leerem Gerede, und Religionen
Wer da sagt, die Stunde zum Philosophieren sei für ihn noch nicht erschienen oder bereits entschwunden, der gleicht dem, der behauptet, die Zeit für die Glückseligkeit sei noch nicht oder nicht mehr da
Götter sind nicht zu fürchten. Sie mögen existieren, doch sie kümmern sich nicht um uns, deswegen kümmern wir uns auch nicht um sie
Der Tod ist nicht zu fürchten. Wenn wir sind, ist er nicht, wenn er ist, sind wir nicht
Das Ziel des Lebens ist Bedürfnislosigkeit, Schmerzfreiheit, Befreiung von seelischen Beunruhigungen, und das Lachen über “Verhängnisse” oder “Zufälle”
Eine “Vorsehung” gibt es nicht
Der Verstand flieht die Lust nicht
Die Bedingungen der Glückseligkeit können und sollen wir selbst herstellen
Eine Gerechtigkeit an und für sich gibt es nicht
Das natürliche Recht / Das Gerechte ist ein mit Rücksicht auf den Nutzen getroffenes Abkommen zum Zweck der Verhütung der gegenseitigen Schädigung. Ein “Recht des Menschen” außerhalb einer getroffenen Vereinbarung gibt es nicht
Die Sicherheit vor den Menschen wird durch die Macht erreicht, andere gegebenenfalls zu vertreiben
Will man ein sinnvolles, ungestörtes Leben führen, so müssen die Nächsten nicht geliebt, sondern ertragen, und oft vertrieben werden
Wir brauchen einen Zustand, in dem das Ich nur von uns selbst abhängt
Der Philosoph sollte ein Künstler sein, der Künstler ein Philosoph
Die Religionen ziehen das Unwirkliche dem Vorhandenen vor, deswegen bevorzugen wir die Dysteleologie (Selbstsorge)
Die Körper und der leere Raum sind ewig. Aus diesem Grunde war das All immer schon so, wie es gegenwärtig ist, und es wird auch immer so sein
SM : Dazu gibt es interessante zusätzliche Meinungen von
Demokrit : Es gibt den leeren Raum
Parmenides : Es gibt kein Nichts, sondern nur das Sein (Seinskugel)
Leibniz : Ex nihilo nihil fit / Von Nichts kommt nichts
Heidegger : Nicht nur gibt es das Nichts, sondern das Nichts nichtet (im Sinne eines “Schwarzen Lochs”)
Epikur wurde von Horaz, und dann vor allem von christlichen Philosophen (Thomas von Aquin u.a.) in eine einseitige, vermeintlich alleine der Lust fröhnende Schiene gedrängt, wohin er nicht gehört. Deswegen hielt sich der eher negativ belegte Begriff “Epikureer”. Horaz diffamierte 250 Jahre später einen den Gedanken Epikurs nahe stehenden Zeitgenossen als “ex Epicuri grege porcus” (“ein Schwein aus der Herde Epikurs”), was als Bild lustig erscheint, aber mit dem wahren Denken und Wirken Epikurs nichts zu tun hat. Gerade das Masshalten ist ein Grundfaktor von Epikurs Leben und Denken, ebenso wie Wissenschaftsfreundlichkeit, und vor allem tiefe Menschlichkeit.
Deswegen hält für mich derzeit Epikur “Platz Eins” der Philosophen.
Stefan Mickisch 2019