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Arthur Schopenhauer

Stefan Mickisch

Schopenhauer

Arthur Schopenhauer stammt aus Danzig, ist 1788 geboren. Sein Vater war ein vermögender Kaufmann, und der Sohn wurde nicht müde, in seinen Werken immer wieder darauf hinzuweisen, welche Vorteile es mit sich bringt, genug Geld zu haben, und wie nett sein Vater war, ihm frühzeitig viel Vermögen zu hinterlassen. Dadurch war Arthur Schopenhauer lebenslang ein finanziell gesichertes Auskommen und dadurch - was besonders wichtig ist - geistige Freiheit beschieden.
Schopenhauers Mutter Johanna Schopenhauer war eine nicht unbedeutende Schriftstellerin und hatte zu ihrem Sohn Arthur kein gutes Verhältnis, da dieser über alles meckerte und alles “besser wußte”.

Schopenhauer ist im Grunde leicht zu lesen, wenn man sich nicht gerade in seinem Hauptwerk “Die Welt als Wille und Vorstellung” verstolpert. Wie bei allen Philosophen gilt auch bei ihm : man möge Glück haben, mit den leichteren Büchern zuerst konfontiert zu werden, sei es durch Zufall oder durch Hinweise Kundiger. Mir selbst war es im Alter von 15 Jahren vergönnt, die “Aphorismen zur Lebensweisheit” (schon damals strebte ich nach Weisheit … ) zu finden, in der Bibliothek meiner Eltern, und ich nahm dieselben auf eine Radltour nach Garmisch mit. Dort legte ich mich mit dem Buch in eine saftige grüne Wiese oberhalb der Richard-Strauss-Villa, da gibt es den so genannten “Philosophenweg” (!), und ich muß sagen, daß diese etwa 5 einsamen Nachmittagsstunden mit Schopenhauer und dem Blick auf das 1904/1906 erbaute Strauss-Anwesen (“An-Wesenheit”) zu den schönsten meines Lebens gehören. Hat man einmal den Einstieg zu einem großen Denker gefunden, so erschließt sich das restliche Gesamtwerk leicht.

Schopenhauer erscheint - wie Freud - zunächst negativ, pessimistisch, und in gewisser Weise ist er es auch. Jedoch, zum Einen trifft er nach meinem Dafürhalten fast immer “den Nagel auf den Kopf”, zum Anderen sind seine präzisen Formulierungen äusserst bildhaft und witzig, zum Dritten erfährt man bei ihm die gesamte Philosophiegeschichte (wenn man Glück hat, gibt er zu griechischen Originalzitaten eine lateinische, keine deutsche! Übersetzung), und zum Vierten gibt er nachdenkenden und empfindenden Menschen Rückhalt.

1818 hatte Schopenhauer sein Hauptwerk “Die Welt als Wille und Vorstellung” abgeschlossen. Anfang 1819 erschien es bei Brockhaus in Leipzig und wurde ein eindrucksvoller Mißerfolg. Doch Schopenhauer wußte, daß er eines der wichtigsten Bücher der Weltgeschichte geschrieben hatte, und daß sich angesichts der Dummheit der Menschen Qualität nur langfristig durchsetzen kann. Seinem Verleger teilte er dies ohne jedwede Bescheidenheit mit, zusammen mit der Bemerkung, daß über sein Buch noch “Hunderte anderer Bücher geschrieben werden” würden.


Einige der schönsten und wichtigsten Aussagen Schopenhauers :

Ich möchte 90 Jahre alt werden. Selbst bei den Achtzigern hat der Tod noch etwas Gewaltsames

Wir leben nicht wie Leibniz sagte in der “besten aller möglichen Welten”, sondern in der schlechtesten aller möglichen. Wäre die Welt nur etwas schlechter, so könnte man nicht mehr leben
(Querverweis Voltaire : “Nous laisserront ce monde-ci aussi sot et aussi méchant que nous l’avons trouvé en y arrivant.”)

Ohne tägliche gehörige Bewegung kann man nicht gesund bleiben
(Schopenhauer ging 2 Stunden pro Tag spazieren und schwamm von April bis Okrtober im Main, er wohnte ab 1831 in Frankfurt)

Commovent homines non res, sed de rebus opiniones

Aristoteles ait omnes ingeniosos melancholicos esse (Cicero Tusc. I, 33)

Der Bankrott der Gedanken ist das Kartenspiel. Weil sie keine Gedanken auszutauschen haben, tauschen sie Karten aus und suchen einander Gulden abzunehmen. O klägliches Geschlecht !
SM : Was würde Schopenhauer zum heutigen Fernsehen sagen !?

Es ist eine große Torheit, um nach außen zu gewinnen, nach innen zu verlieren

Bei vielen Herren muß in der Jugend die Muskelkraft und die Zeugungskraft herhalten, späterhin bleiben aber nur die Geisteskräfte

Vorhandenes Vermögen soll man betrachten als eine Schutzmauer gegen die vielen möglichen Übel und Unfälle, nicht als eine Erlaubnis oder gar Verpflichtung, die Plaisirs der Welt heranzuschaffen

“Aphorismen zur Lebensweiheit” – Kapitel III “Von dem, was einer hat” Kapitel IV “Von dem , was einer ist” Kapitel V “Von dem, was einer vorstellt” :
… Zu dem, was einer hat, habe ich Frau und Kinder nicht gerechnet, da er von diesen vielmehr gehabt wird …

Viel zu viel Wert auf die Meinung anderer zu legen ist ein allgemein herrschender Irrwahn
SM : Diese Ansicht stammt von Epikur

Fast jeder würde sich krank ärgern, wenn er vernähme, was alles von ihm gesagt wird

Der Glücklichste ist der, welcher, gleichviel wie, es dahin gebracht hat, sich selbst aufrichtig zu bewundern
(!)

Viel weniger irrt, wer mit zu finsterm Blick diese Welt als seine Art Hölle ansieht und demnach nur darauf bedacht ist, sich in derselben eine feuerfeste Stube zu verschaffen

Was dein Feind nicht wissen soll, das sage deinem Freunde nicht

Die Höflichkeit ist eine stillschweigende Übereinkunft, gegenseitig die moralisch und intellektuell elende Beschaffenheit voneinander zu ignorieren und sie sich nicht vorzurücken – wodurch diese zu beiderseitigem Vorteil etwas weniger leicht zutage kommt. Eine schwere Aufgabe ist freilich die Höflichkeit insofern als sie verlangt, daß wir allen Leuten die größte Achtung bezeugen, während die allermeisten keine verdienen; sodann, daß wir den lebhaftesten Anteil an ihnen simuilieren, während wir froh sein müssen, keinen an ihnen zu haben

Der Ruhm, der zum Nachruhm werden will, gleicht einer Eiche, die langsam emporwächst, der falsche Ruhm dem schnell hervorschießenden Unkraute, das schleunigst ausgerottet wird.
Die höchsten Leistungen des menschlichen Geistes wurden in der Regel mit Ungunst aufgenommen, das liegt daran, daß jeder eigentlich nur das ihm Homogene verstehn und schätzen kann, also ist dem Platten das Platte, dem Gemeinen das Gemeine, dem Unklaren das Verworrene, dem Hirnlosen das Unsinnige homogen, oder, wie schon der fabelhafte alte Epicharmos sang: So scheint dem Hunde der Hund das schönste Wesen, dem Ochsen der Ochs, dem Esel der Esel und dem Schwein das Schwein
SM : Hier wäre die interessante Bemerkung des Anaxagoras von Athen einzuflechten, der sagte : “Würden sich Wildschweine den Himmel vorstellen, so säße auf Zeus’ Thron ein Wildschwein.”

Monoton ist der Sinn und Geist der allermeisten Menschen; sehn doch viele von ihnen schon aus, als hätten sie immmerfort nur einen und denselben Gedanken, unfähig, irgendeinen anderen zu denken. Hieraus erklärt sich nicht nur, warum sie so langweilig sind, sondern auch, warum sie so gesellig sind und am liebsten herdenweise einhergehn

Der Leib ist die “Objektivität des Willens”, worunter zu verstehen ist : der Leib ist die sichtbare Erscheinungsform eines an sich unsichtbar wirkenden Lebensprinzips

Das DING AN SICH ist allein der WILLE. Der Wille ist von keinem Grund abhängig, da er selbst der Grund alles Lebendigen ist, er ist Grund-los, blind.
Das Menschengeschlecht offenbart, weil es alle anderen überwältigt, die Natur für ein Fabrikat zu seinem Gebrauch ansieht, jedoch auch in sich selbst jenen Kampf, jene Selbstentzweiung des Willens zur furchtbarsten Deutlichkeit

Das Leid, der Schmerz, entspringt dem ewigen Kampf des Willens um die Materie, in der er sich objektivieren konnte; der Mensch ist immer an diesem unaufhörlichen Ringen beteiligt, denn auch er ist durch seinen Körper Objektivation des Willens

Die KUNST wiederholt die durch reine Kontemplation aufgefassten ewigen Ideen, das Wesentliche und Bleibende aller Erscheinungen der Welt

Der scheinbare Stillstand der Zeit ist dem Genius in der Kunst erreichbar / das Rad des Ixion steht still

Die Kunst ist die Vollendung der Natur

Der Künstler ist der einzig wahre Künder eines Lebens jenseits des Leidens
SM : natürlich haben die Aussagen Schopenhauers wie die obige Richard Wagner maßgeblich beeinflusst, angetrieben, und be-geistert

Es ist mehr als verständlich, wenn ein Mensch den Tod für die dem Leben vorzuziehende Alternative erachtet
SM : Eine “harte” Ansicht, aber doch für viele geplagte Menschen eine Art Bestätigung

Der Mensch kann dem Tod wirklich seinen Sieg vergällen, indem er schon im Leben das Sterben wählt

Aus dem Willen geht auch das Leiden in der Welt hervor, und da der Mensch Wille ist, ist der Mensch letzten Endes Ursache seines eigenen Schmerzes

Es kommt nicht auf die Materie des Leibes an : sie ist nach wenigen Jahren eine andere. Nicht auf die Form desselben : sie ändert sich im Ganzen und in allen Theilen; Dieses, was unverändert stets ganz das Selbe bleibt und nicht mitaltert, ist eben der Kern unsers Wesens, welcher nicht in der Zeit liegt

Jedes Individuum, indem es nach innen blickt, erkennt in seinem Wesen, welches sein Wille ist, das Ding an sich, daher das überall allein Reale. Demnach erfaßt es sich als den Kern und Mittelpunkt der Welt, und findet sich unendlich wichtig

Infolge dieses Egoismus ist unser Aller Grundirrthum dieser, daß wir gegenseitig Nicht-Ich sind
SM : Parmenides wirft die Frage auf, ob es denn außerhalb der Seinskugel neben dem “Nichts” auch ein “Ichts” gebe

Übrigens ist die Philosophie wesentlich WELTWEISHEIT; ihr Problem ist die Welt : mit dieser allein hat sie es zu thun und läßt die Götter in Ruhe, erwartet aber dafür, auch von ihnen in Ruhe gelassen zu werden

Bescheidenheit bei mittelmäßigen Fähigkeiten ist bloße Ehrlichkeit: bei großen Talenten ist sie Heuchelei. Darum ist diesen offen ausgesprochenes Selbstgefühl und unverhohlenes Bewußtsein ungewöhnlicher Kräfte gerade so wohlanständig als jenen ihre Bescheidenheit

Das echte Kunstwerk kann niemals falsch sein noch durch irgendeine Zeit widerlegt werden, denn es gibt keine Meinung, sondern die Sache selbst
(Celibidache : “Es gibt keine interpretation, sondern nur Musik”)

Den Menschen ausgenommen, wundert sich kein Wesen über sein eigenes Dasein

Begehren dauert lange, die Forderungen gehn ins unendliche; die Erfüllung ist kurz und kärglich gemessen. Der erfüllte Wunsch macht gleich einem neuen Platz; jener ist ein anerkannter, dieser ein noch unerkannter Irrtum

Musik stimmt jeden hinauf auf die höchste geistige Stufe, die seine Natur zuläßt: und während des Anhörens einer großen Musik fühlt jeder deutlich, was er im Ganzen wert ist, oder viel mehr, was er wert sein könnte
Die Musik fordert auch viel Bildung, eben weil nur allmählich und durch Übung der Geist so viele und mannigfaltige Töne zugleich und schnell nacheinander fassen und kombinieren lernt. Wenn daher einer meint, mit all der bunten Musik wäre es für ihn nichts, er könne bloß Tanzmusik oder ein Lied zur Gitarre genießen, so ist dies eben Mangel an Bildung
Es ist doch ungleich edler und geziemender, wenn Vier sich setzen zu einem (Streich-)Quartett, als zu einer Partie Whist

Das Wesen des Menschen besteht darin, daß sein Wille strebt, befriedigt wird und von neuem strebt, und so immerfort - das Ausbleiben der Befriedigung schafft Leiden, das des neuen Wunsches Sehnen
SM : vgl. “Tristan und Isolde”

Der Komponist offenbart das innerste Wesen der Welt und spricht die tiefste Weisheit aus

Die Musik, da sie die (platonischen) Ideen übergeht, ist von der erscheinenden Welt ganz unabhängig, ignoriert sie schlechthin, könnte gewissermaßen, auch wenn die Welt gar nicht wäre, doch bestehen: was von den anderen Künsten sich nicht sagen läßt
Die Musik ist also keineswegs, gleich den anderen Künsten, das Abbild der Ideen; sondern Abbild des Willens selbst, dessen Objektitivität auch die Ideen sind: deshalb eben ist die Wirkung der Musik so sehr viel mächtiger und eindringlicher, als die der anderen Künste: denn diese reden nur vom Schatten, sie aber vom Wesen

1847 (!) : “Der Hegelsche Unsinn : Beute des platten Materialismus”
SM : interessant, wenn man an Hegels Schüler Karl Marx denkt und dessen Auswirkungen auf den “dialektischen Materialismus” und Lenin

Die Hegelei, was ist sie Anderes, als leerer, hohler, dazu ekelhafter Wortkram? Und doch, wie glänzend war die Carriere dieser philosophischen Ministerkreatur !

Das Warum ist die Mutter aller Wissenschaft

Nihil est sine ratione cur potius sit, quam non sit. (Nichts ist ohne Grund, warum es eher ist, als daß es nicht sei. Nichts ist ohne Grund warum es sei.)

Hume war der Erste, dem es einfiel, zu fragen, woher das Gesetz der Kausalität denn seine Auktorität habe
SM : Das bedeutet, David Hume zweifelte - vergleichbar dem Sophisten Gorgias - an, daß eine bestimmte Wirkung aus einer bestimmten Ursache heraus erfolgen müsse. Eine sehr radikale und bedenkenswerte Ansicht. David Hume ist ein großer Denker, den man zum Verständnis der Philosophie Kants braucht

Schelling : Ein In-den-Tag-hinein-Schwätzer

Objekt für das Subjekt seyn, und unsere Vorstellung seyn, ist das Selbe

Der Realismus übersieht, daß das Objekt außerhalb seiner Beziehung auf das Subjekt nicht mehr Objekt bleibt, und daß, wenn man ihm diese nimmt, oder davon abstrahirt, sofort auch alle objektive Existenz aufgehoben ist. LEIBNITZ, der das Bedingtseyn des Objekts durch das Subjekt wohl fühlte, jedoch von dem Gedanken eines Seyns an sich der Objekte, unabhängig von ihrer Beziehung auf das Subjekt, d.h. vom VORGESTELLTWERDEN, nicht frei machen konnte, nahm zu vörderst eine der Welt der Vorstellung genau gleiche und ihr parallel laufende Welt der Objekte an sich an, die aber mit jener nicht direkt, sondern nur äußerlich, mittelst einer harmonia praestabilita (vorherbestimmten Harmonie), verbunden war; - augenscheinlich das Überflüssigste auf der Welt, da sie selbst nie in die Wahrnehmung fällt und die ihr ganz gleiche Welt in der Vorstellung auch ohne sie ihren Gang geht. Als er nun aber wieder das Wesen der an sich objektiv existirenden Dinge näher bestimmen wollte, gerieth er in die Nothwendigkeit die Objekte an sich selbst für Subjekte (monades, letzte Einheiten) zu erklären
SM : Hier fällt auch der große Leibniz aus dem Sattel, der es mit der “Größten Monade Gott” so gut gemeint hatte

Eine causa prima (die erste (Welt-Ursache) ist ebenso, wie eine causa sui (Ursache ihrer selbst) eine contradictio in adjecto -
Eine erste Ursache ist gerade und genau so undenkbar, wie die Stelle, wo der Raum ein Ende hat, oder der Augenblick, da die Zeit einen Anfang nahm. … Die Kirchen-Herren werden sich doch nicht etwan entblöden, mir von einem Entstehn der Materie selbst aus nichts zu reden?

Der kosmologische, ontologische, und physikotheologische Gottesbeweis wurde vom Königsberger Starrkopf (Kant) rechtens vernichtet

SM : Aber auch Kant bekommt eins auf die Mütze :
AS : … Das komplicirte Räderwerk der zwölf Kantischen Kategorien, deren Nichtigkeit ich nachgewiesen habe . –

Mögen immerhin Hegelianer und ähnliche Ignoranten von einer Kant-Fichte’schen Philosophie reden : es giebt eine Kantische Philosophie und eine Fichte’sche Windbeutelei, - das ist das wahre Sachverhältniß und wird es bleiben, trotz allen Präkonen (Lobpreisern) des Schlechten und Verächtern des Guten, an denen das Deutsche Vaterland reicher ist, als irgend ein anderes

Jede Nation spottet über die andere und jede hat Recht

Nur dem gedankenlosen Tier scheint sich die Welt und das Dasein von selbst zu verstehn, dem Menschen hingegen ist sie ein Problem, dessen sogar der Roheste und Beschränkteste in einzelnen helleren Augenblicken lebhaft innewird

Der mit sich selbst entzweite Weltwille : in dieser Art liefert das grellste Beispiel die Bulldogs-Ameise (bulldog-ant) in Australien : nämlich wenn man sie durchschneidet, beginnt ein Kampf zwischen dem Kopf- und dem Schwanzteil : jener greift diesen mit seinem Gebiß an, und dieser wehrt sich tapfer, durch Stechen auf jenen : der Kampf pflegt eine halbe Stunde zu dauern, bis sie sterben oder von anderen Ameisen weggeschleppt werden
SM : Manchmal glaubt man bei Schopenhauer “nicht recht zu lesen” – wie kommt er auf solche naturwissenschaftlichen Details ? Recherchiert man heute die Sachverhalte im Internet, hat Schopenhauer - wieder einmal – “ins Schwarze getroffen”

Die weiseste aller Mythologien ist die indische

Der Mensch ist ein wildes, entsetzliches Tier. Wir kennen es bloß im Zustande der Bändigung und Zähmung, welcher Zivilisation heißt

Der Mensch ist das einzige Tier, welches andern Schmerz verursacht, ohne weiteren Zweck als ebendiesen. Die andern Tiere tun es nie anders, als um ihren Hunger zu befriedigen

Kein Tier jemals quält, bloß um zu quälen; aber dies tut der Mensch, und dies macht den teuflischen Charakter aus, der weit ärger ist als der bloß der tierische

Ich sage : es ist der Wille zum Leben, der seine eigene Qual durch das Verursachen der fremden zu erleichtern sucht

Der schlechteste Zug in der menschlichen Natur bleibt aber die Schadenfreude

Die menschliche Freiheit sieht so aus :
Wollen wir uns einen Menschen denken, der etwa auf der Gasse stehend zu sich sagte :”Es ist sechs Uhr abends, die Tagesarbeit ist beendigt. Ich kann jetzt einen Spaziergang machen, oder ich kann in den Klub gehen; ich kann auf den Turm steigen, die Sonne untergehen sehen; ich kann auch ins Theater gehen; ich kann auch diesen oder jenen Freund besuchen; ja, ich kann zum Tor hinauslaufen in die weite Welt und nie wiederkommen. Das alles steht allein bei mir, ich habe völlige Freiheit dazu, tue jetzt davon aber nichts, sondern gehe freiwillig nach Hause, zu meiner Frau.”

Das ist gerade so, als wenn das Wasser spräche :”Ich kann hohe Wellen schlagen (ja! Nämlich im Meer und Sturm), ich kann reißend hinabeilen (ja! Nämlich im Bette des Stroms), ich kann schäumend und sprudelnd hinunterstürzen (ja! Nämlich im Wasserfall), ich kann frei als Strahl in die Luft steigen (ja! Nämlich im Springbrunnen), ich kann endlich gar verkochen und verschwinden (ja! Bei 80 Grad Wärme), tue jedoch von dem allen jetzt nichts, sondern bleibe freiwillig ruhig und klar im spielgelnden Teiche.”

Sogar an Abrichtungsfähigkeit übertrifft der Mensch alle Tiere. Die Moslems sind abgerichtet, fünfmal des Tages, das Gesicht gegen Mekka gerichtet, zu beten, Christen sind abgerichtet, bei gewissen Gelegenheiten ein Kreuz zu schlagen, sich zu verneigen u. dgl.; wie denn überhaupt die Religion das rechte Meisterstück der Abrichtung ist

Unserm Tode sollen wir entgegensehn als einer erwünschten und erfreulichen Begebenheit
SM : vgl. Sokrates’ berühmter Satz an seine Schüler, sie mögen nach seinem Tode dem Asklepios einen Hahn opfern (Man opferte Asklepios bei freudigen Ereignissen einen Hahn)

Das fortwährende Dasein des Menschengeschlechts ist bloß ein Beweis der Geilheit desselben

Es ist nichts leichter, als so zu schreiben, daß kein Mensch es versteht; wie hingegen nichts schwerer, als bedeutende Gedanken so auszudrücken, daß jeder sie verstehen muß
SM : bei ersterem denke ich an T.W. Adorno, der ja aus der Hegel-Schule kam

… der natürliche Haß der Mittelmäßigkeit gegen das, was nicht mittelmäßig ist …
SM : Hier ist Sixtus Beckmesser zu nennen

Das Christentum besteht aus bloßen Fabeln. Der Glaube an diese schwindet täglich mehr; daher wird man sich zu meiner Philosophie wenden müssen. Die Pantheisten können keine ernstlich gemeinte Moral haben - da bei ihnen alles göttlich und vortrefflich ist

Geistige Überlegenheit verletzt durch ihre bloße Existenz

Die Eminenz des Geistes macht ungesellig

Menschen sind wie Stachelschweine : ohne einander halten sie es nicht aus und rotten sich zusammen, dann stechen sie sich durch ihre Stacheln und müssen wieder auseinander, und immer so fort …

In jeder Gesellschaft, sobald sie zahlreich ist, herrscht bald das Gemeine vor

Wer die Gesellschaft gegen Einsamkeit vertauscht, macht einen guten Handel

Was wirklich Wert hat, wird in der Welt nicht geachtet, und was geachtet wird, hat keinen Wert. Hievon ist die Zurückgezogenheit jedes Würdigen und Ausgezeichneten der Beweis und die Folge

Bekanntlich werden Übel dadurch erleichtert, daß man sie gemeinschaftlich erträgt; zu diesen scheinen die Leute die Langeweile zu zählen, daher sie sich zusammensetzen, um sich gemeinschaftlich zu langweilen
Dagegen ist der geistvolle Mensch einem Virtuosen zu vergleichen, der sein Konzert allein ausführt, oder auf dem Klavier

Der Neid der Menschen zeigt an, wie unglücklich sie sich fühlen, ihre beständige Aufmerksamkeit auf fremdes Tun und Lassen, und wie sehr sie sich langweilen

Im Ganzen genommen liegt die Welt im argen: die Wilden fressen einander, und die Zahmen betrügen einander, und das nennt man den Lauf der Welt
SM : “Globalisierung” und “Digitalisierung”, sind das Verbesserungen ?

In Akademien ist stets die liebe Mediokrität obenauf, Leute von Verdienst kommen selten hinein oder nie, und so bei allem
SM : “Bayerische Akademie der Künste”?

Man bestreite keines Menschen Meinung, sondern bedenke, daß wenn man alle Absurditäten, die er glaubt, ihm ausreden wollte, man Methusalems Alter erreichen könnte, ohne damit fertig zu werden

So gewiß die Musik, weit entfernt eine bloße Nachhülfe der Poesie zu seyn, eine selbständige Kunst, ja die mächtigste unter allen ist und daher ihre Zwecke ganz aus eigenen Mitteln erreicht; so gewiß bedarf sie nicht der Worte des Gesanges, oder der Handlung einer Oper
SM : eine gewaltige Aussage, der ich teils beipflichte. Wagners Opern sind meiner Meinung nach so starke Musik, daß sie keiner Texte bedürfen, ja, nach meiner zugegebenermassen zugespitzten pianistischen Meinung auch keiner Sänger und keines Orchesters; am allerwenigsten einer “Regie”

Die Worte sind und bleiben für die Musik eine fremde Zugabe, von untergeordnetem Werthe, da die Wirkung der Töne ungleich mächtiger, unfehlbarer und schneller ist, als die der Worte : diese müssen daher, wenn sie der Musik einverleibt werden, doch nur eine völlig untergeordnete Stelle einnehmen

Die Architektur ist allein Im Raum, die Musik allein in der Zeit

Die Zeit hat keinen Anfang

Gesetzt es gelänge eine vollkommen richtige, vollständige und in das Einzelne gehende Erklärung der Musik, in Begriffen zu geben, so würde das die wahre Philosophie sein
SM : Ich fühle mich angesprochen

Die große Oper ist eigentlich kein Erzeugnis des reinen Kunstsinnes, vielmehr des etwas barbarischen Begriffs von Erhöhung des ästhetischen Genusses mittelst Anhäufung der Mittel …
SM : Das schöne Wort “mittelst” kehrt bei Thomas Manns “Buddenbrocks” wieder, wenn Zahnarzt Doktor Brecht seinem Patienten Konsul Thomas Buddenbrock empfiehlt und in Aussicht stellt, den schmerzhaften, defekten Zahn “mittelst des Hebels” zu entfernen. Dabei hat der Zahnarzt Schweißperlen auf der Stirn, weil er - wie der Leser - ahnt, zu welchem Ergebnis diese Aktion gelangt…

Überhaupt aber ist die große Oper, indem sie, schon durch ihre dreistündige Dauer, unsere musikalische Empfänglichkeit immer mehr abstumpft, während dabei der Schneckengang einer meistens sehr faden Handlung unsere Geduld auf die Probe stellt, an sich selbst, wesentlich und und essentiell, langweiliger Natur; … daher sind in dieser Gattung die Meisterwerke allein genießbar und alles Mittelmäßige ist verwerflich. … Man sollte suchen, die Oper mehr zu konzentrieren, um sie, womöglich, auf einen Akt und eine Stunde zu beschränken. … Jeder letzte Akt einer Oper ist in der Regel eine harte Marter der Zuhörer, und eine noch größere der Sänger und Musici; demnach man glauben könnte, hier eine zahlreiche Versammlung zu sehen, die zum Zwecke der Selbstpeinigung vereinigt, diesen mit Ausdauer verfolgt bis zum Schluß, welchem schon längst jeder im stillen entgegensäufzt, - mit Ausnahme der Deserteurs
SM : Mit Ausnahme der Wagnerianer …

Die Begriffe sind die universalia post rem, die Musik aber gibt die universalia ante rem, und die Wirklichkeit ist die universalia in re

Ein vollkommen reines harmonisches System der Töne ist nicht nur physisch, sondern sogar schon arithmetisch unmöglich. …
SM : Daher kommt das so genannte “Pythagoreische Komma”. Man könnte auch sagen : die absolute Perfektion ist unschön

Sind die Töne zum Grundton richtig, so sind sie es nicht mehr zu einander
SM : Richtig, ein guter Klavierstimmer weiß genau, daß er “ungenau” stimmen muß, aber das auf sehr genaue Weise

… wie wenig überhaupt die Menschen zur Reflexion und zum Nachdenken geneigt sind; mit welcher Besinnungslosigkeit vielmehr sie dahinleben. Überall ist ihre Absicht, nur zu genießen und zwar mit möglichst geringem Aufwande von Gedanken. Ihre Natur bringt es so mit sich

In der Regel ist es unwahrscheinlich, daß das Unwahrscheinliche nie geschehe

Ich hege längst die Meinung, daß die Quantität Lärm, die jeder unbeschwert vertragen kann, in umgekehrtem Verhältnis zu seinen Geisteskräften steht, und daher als das ungefähre Maß derselben betrachtet werden kann. Wenn ich daher auf dem Hofe eines Hauses die Hunde stundenlang unbeschwichtigt bellen höre, so weiß ich schon, was ich von den Geisteskräften der Bewohner zu halten habe
SM : Das scheint mir äusserst stimmig zu sein. Ehrlich gesagt mache ich unter anderem deswegen Musik, um unqualifiziertem Lärm zu entkommen

Leute, die unempfindlich gegenüber Geräuschen sind, sind auch unempfindlch gegenüber Kunstwerken

Der zwecklose Lärm ist die impertinenteste aller Unterbrechungen, da er sogar unsere eigenen Gedanken unterbricht, ja, zerbricht. Wo jedoch nichts zu unterbrechen ist, da wird er freilich nicht sonderlich empfunden werden

Allerdings wird, mit der Zeit, jedem volle Gerechtigkeit, allein so spät und langsam, wie weiland vom Reichskammergericht, und die stillschweigende Bedingung ist, daß er nicht mehr lebe
SM : Von dem Wort “weiland” bin ich immer wieder begeistert

Es gibt einen Bund aller Mittelmäßigen gegen den einzelnen Ausgezeichneten. Meistens hat dieses Unterdrückungssystem, geraume Zeit hindurch, guten Erfolg; weil gerade das Genie, welches seine Sache, mit kindlichem Zutrauen, ihnen darreicht, damit sie Freude daran haben möchten, den Schlichen und Ränken niederträchtiger Seelen, die nur im Gemeinen, dort aber vollkommen zuhause sind, am wenigsten gewachsen ist, ja, sie nicht einmal ahndet, noch versteht, und daher alsdann, über den Empfang betreten, vielleicht an seiner Sache zu zweifeln anfängt, dadurch aber an sich selber irre werden und seine Bestrebungen aufgeben kann

Demgemäß ist denn auch die Tugend der Bescheidenheit bloß zur Schutzwehr gegen den Neid erfunden worden. Daß es allemal Lumpe sind, die auf Bescheidenheit dringen und sich so herzinniglich über die Bescheidenheit Anderer freuen …
SM : Goethe tätigte ja den berühmten Spruch : “Bescheiden sind nur die Lumpe.”

Ein vom Neide häufig gebrauchtes Mittel zur Herabsetzung des Guten ist das herz- und gewissenlose Lobpreisen des Schlechten : denn sobald das Schlechte Geltung erfährt, ist das Gute verloren

Die elende Beschaffenheit des Menschengeschlechts nimmt zwar in jeder Generation eine etwas veränderte Gestalt an, ist aber zu allen Zeiten dieselbe

Tempel und Kirchen, Pagoden und Moscheen, in allen Ländern, aus allen Zeiten, in Pracht und Größe, zeugen vom metaphysischen Bedürfnis des Menschen. … Plumpe Fabeln und abgeschmackte Mährchen : wenn nur früh genug eingeprägt, sind sie ihm hinlänglich Auslegungen seines Daseyns und Stützen seiner Moralität. Man betrachte z. B. den Koran : dieses schlechte Buch war hinreichend, eine Weltreligion zu begründen. … Wir finden in ihm die traurigste und ärmlichste Gestalt des Theismus. … Ich habe keinen einzigen werthvollen Gedanken darin entdecken können
SM : Kann ich durch eigenes intensives Studium bestätigen

Der Priester Gewerbe mußte überall dadurch gesichert werden, daß sie das Recht erhielten, ihre metaphysischen Dogmen den Menschen sehr früh beizubringen, ehe noch die Urtheilskraft aus ihrem Morgenschlummer erwacht ist

Die große Anzahl der Menschen sind nicht zu denken, sondern nur zu glauben befähigt

Bloße Schlauheit befähigt wohl zum Skeptizismus, aber nicht zum Philosophen

Das Genie wohnt nur einen Stock höher als der Wahnsinn
SM : Aber doch : höher

Der Verstand ist keine extensive, sondern eine intensive Größe : daher kann hierin einer es getrost gegen zehntausend aufnehmen und gibt eine Versammlung von tausend Dummköpfen noch keine gescheuten Mann

Die große Mehrzahl der Menschen ist so beschaffen, daß ihrer ganzen Natur nach es ihnen mit nichts Ernst sein kann als mit Essen, Trinken und Sichbegatten

Neben dem Blut der Weltgeschichte geht schuldlos und nicht blutbefleckt die Geschichte der Philosophie, der Wissenschaften und der Künste

Aller Geist auf der Welt hilft dem nicht, der keinen hat

Wie die meisten Menschen einerseits keinen Überfluß am Gelde haben, sondern knapp das Notwendige; so auch andrerseits nicht am Verstand. Sie haben dessen knapp so viel wie zum Dienste ihres Willens, d.h. zur Betreibung ihres Erwerbs ausreicht. Dies getan, sind sie froh, maulaffen zu dürfen oder sich an sinnlichen Genüssen, auch wohl an kindischen Spielen zu ergötzen, an Karten, an Würfeln, oder auch sie führen miteinander die plattesten Diskurse, oder sie putzen sich heraus und machen dann einander Bücklinge. Schon derer, die einen ganz kleinen Überschuß intellektueller Kräfte haben, sind wenige

Dafür nämlich, daß ein großer Geist ihnen die Schätze seines Innersten eröffnet und durch die äußerste Anstrengung seiner Kräfte Werke hervorgebracht hat, welche nicht nur ihnen, sondern auch ihren Nachkommen bis in die zehnte, ja zwanzigste Generation zur Erhebung und Erleuchtung gereichen, dafür also, daß er der Menschheit ein Geschenk gemacht hat, dem kein anderes gleichkommt, dafür halten diese Buben sich berechtigt, seine moralische Person vor ihren Richterstuhl zu ziehn, um zu sehn, ob sie nicht dort irgendeinen Makel an ihm entdecken könnten zur Linderung ihrer Pein, die sie in ihres Nichts durchbohrendem Gefühl beim Anblick eines großen Geistes empfinden
SM : Ja das stimmt, man sehe etwa sich das Leben und Nachleben Wagners an

Pantheismus ist notwendig Optimismus und daher falsch

Der Satz : “Alle Wiederkäuer sind gehörnt” wird umgestoßen durch die einzige Instanz der Kamele

Denken können sehr Wenige, aber Meinungen wollen Alle haben : was bleibt da anderes übrig, als daß sie solche, statt sie sich selbst zu machen, ganz fertig von Andern aufnehmen ?
SM : Zeitungen ?

Unverständig zu sein ist Menschenrecht


SM Schlußbemerkung : Mein (philosophisches) Leben empfinde ich als darauf angelegt, mit Hilfe aller anderen Philosophen der Weltgeschichte herauszufinden, ob Schopenhauer Recht hat. Die Herausstellung der Musik als die wohl beste Möglichkeit der “Welt-Verträglichkeit” oder sogar “- Entschlüsselung” hat mich stets begeistert und mein künstlerisches Werk unterstützt. Ich bin Schopenhauer dankbar dafür, daß er mein Denken früh und nachhaltig angeregt hat.

Stefan Mickisch 2019

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