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Der neue Merker (Wien)

von Sieglinde Pfabigan

Stefan Mickisch hat uns verlassen
Als ich mich am Sonntagvormittag, dem 21. Februar, nach der wunderbaren Fernsehsendung mit dem 95-jährigen Friedrich Cerha an meinen Computer setzte, erwarteten mich da gleich 6 Mails von Merkerkollegen: ob ich schon wisse, dass Stefan Mickisch gestorben sei. Mit 58 Jahren. Der Schock war gewaltig. Die Todesursache wurde nicht bekannt gegeben. Alles, was man an Kunstvermittlung im Lauf der Jahre, ja, Jahrzehnte, von ihm schon ganz selbstverständlich entgegengenommen hat, wird nun rückblickend zu kostbaren Geschenken.
Was dieser phänomenale Musiker und Geisteswissenschaftler uns alles vermittelt hat, ist und bleibt für alle allgegenwärtig, die seine Einführungsmatineen zu den Wagner-Opern und seine Vorträge über alle anderen von ihm nicht nur analysierten, sondern auch pianistisch als Ganzes und in allen Details erfassten Kompositionen erlebt haben.
foto04ntLd75BEsUkG6regelmäßige Bayreuth-Besucherin seit 1961 wurde ich 1998 von einer Bekannten, die zu Saisonbeginn schon am Ort war, eindringlich darauf hingewiesen, dass man die Einführungsträge eines jungen Pianisten namens Mickisch besuchen müsse. Mit einiger Skepsis folgte ich dieser Anregung, zumal ich mich ja doch schon reichlich Wagner-kundig wähnte. Mit dem Resultat: Ich ging in den Folgejahren regelmäßig in nahezu alle seine Bayreuther Matineen. Und tat dies, wann immer es mir terminlich möglich war, auch in Wien, in der Staatsoper, Volksoper, im Theater an der Wien, bei Veranstaltungen des Wiener Wagner-Verbands und am häufigsten im Konzerthaus, wo alljährlich ein ganzer Mickisch-Zyklus im Abonnement angeboten wurde.
Zuletzt war es eine „Götterdämmerungs“-Matinee am 30. August 2020, die er wieder mit neuen Ideen kommentiert und musikalisch analysiert hatte, ehe er sich kommentarlos dem Finale hingab – wie immer natürlich alles auswendig spielend – mit einer so unheimlichen Innenspannung und Klangpracht, dass man an kein Orchester und keinen Dirigenten mehr dachte. Der gesamte „Ring des Nibelungen“ schien noch einmal klingende Gestalt anzunehmen, mit allen Höhen und Tiefen, mit Göttern, Helden und Heroinen, Riesen, Zwergen, Nixen, Nornen ... und die ein überirdisches Finale initiierende Brünnhilde wurde hörbar zur hoffnungsträchtigen Heroine, die eine bessere Welt erahnen lassen konnte. Als Mickisch kurz vor dem Ende wie aus dem Urgrund alles Seins nochmals das „hehrste Wunder“ aufsteigen ließ, ehe die Oper friedlich, mit erhebendem offenem Schluss ausklang, folgte eine lange, atemlose Stille im Saal. Der Jubel, der dann einsetzte, wollte gar nicht mehr enden. – Als man dann so nach und nach wieder sprechfähig wurde, aber noch nach Worten rang, hörte ich aus vieler Munde, dass man, überwältigt von solch kompositorischer und interpretatorischer Größe, erschaudernd und beglückt sich selbst verges-sen und zugleich gefunden habe.
Zu seinem September-Termin 2020, als es erstmals einen unangenehmen politischen Exkurs gegeben haben soll, der sogar Besucher veranlasste, den Saal zu verlassen, war ich verreist. Die bis Mai 2021 geplanten wei- teren Termine mussten abgesagt werden. Es folgten aber unsererseits bis zum Jännerheft 2021 monatliche CD-Besprechungen.
Was man von Stefan Mickisch nicht nur musikalisch, sondern auch religionshistorisch, geographisch, litera- risch, philosophisch und generell geisteswissenschaftlich lernen konnte, weil in verständlicher Sprache übermittelt, mit viel Humor gewürzt und durch musikalische Querverbindungen zu anderen Komponisten ergänzt, erleben konnte, sicherte ihm wohl nicht nur im Wiener Konzerthaus jedes Mal einen vollen Saal von Exper- ten, die noch dazulernen wollten. In hunderten Auftritten auf allen Kontinenten geschah wohl Ähnliches.
Mit dem ebenso profunden Werkkenner Marcel Prawy hatte er etwas gemeinsam: eine gewisse Eitelkeit in Richtung: Keiner wie ich... Aber mit Humor vorgebracht, nahm man das lächelnd hin.
foto24Da er den „Merker“ sehr schätzte und seit den ersten Kontakten abonniert hatte, ergaben sich auch immer wieder persönliche Begegnungen mit diesem ausgesprochen angenehmen Gesprächspartner, der auch zuhören konnte und sich sehr interessiert zeigte, was man nicht nur zu seinen Vorträgen, sondern was sein Gegenüber zu diversen anderen einschlägigen Themen zu sagen hatte. Wenn ich als studierte Altgermanistin einmal kleine diesbezügliche Korrekturen zur Namensbetonung oder Etymologie vorbrachte, nahm er das dankbar an. – Nach Ende seiner Konzerte fand man ihn, noch ehe man sich die Garderobe abgeholt hatte, bereits im Vorsaal, meist in der Nähe des Tisches, wo seine CDs und DVDs angeboten und reichlich konsumiert wurden, und da stand er allen Interessenten Rede und Antwort, zumeist für wohlüberlegte sachliche Fragen oder Kommentare. Bedauerlich war, dass er in letzter Zeit mehr und mehr offenbar auf politische Abwege geraten ist. Eine Anzeige im „Merker“, wo er sich mit Beethoven verglich, der sicher keine Maske getragen hätte, stieß in der Redaktion und unter den Lesern nicht gerade auf Begeisterung. Doch wir blieben bei unserem Prinzip: „Hier gilt’s der Kunst!“ und brachten selbstverständlich weiterhin Analysen seiner anregenden CDs und DVDs. Mein letzter Brief an ihn enthielt die Bitte, mir weitere Aufnahmen zu schicken, da ich keine neuen mehr vorliegen habe. Ein paar Tage später kam die Todesmeldung aus Schwandorf. Man erfuhr nur, dass es sein letzter Wunsch gewesen sei, in Wien beerdigt zu werden.
Dass man alle Musikstücke, über die er referiert und die er pianistisch dargeboten hat, anders hört als zuvor, steht außer Frage.
Sieglinde Pfabigan


Kontakt zum neuen Merker in Wien - Bestellungen, Berichte, Anfragen an:
Chefredakteurin Dr. Sieglinde Pfabigan, A-1120 Wien, Pleitlgasse 7/3/4,
Tel. +43 1 27 86 836, Online-Fax: +43 1 2533 033 47 05
E-Mail: sieglinde.pfabigan@cello.at

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